Lissabon

Wie lange habe ich auf meinen diesjährigen Urlaub hingefiebert? Gefühlt war die Zeit bis zur dringend notwendigen Auszeit diesmal wirklich lang. Und je länger sie wurde, umso heftiger habe ich die Reise, das Wegsein aus Berlin und die Zeit mit mir herbeigesehnt. Es ist einfach so unglaublich viel passiert in den letzten Wochen. Ich bin mal wieder durch sämtliche tiefe Täler gewandert und habe es jetzt gerade in den letzten ein bis zwei Wochen geschafft, mich wieder ein bisschen aufzuraffen und Normalität einkehren zu lassen. Aber was ist denn schon normal?
Wer mich kennt, weiß, dass bei mir immer viel los ist und ich strikte Auszeiten brauche, um wirklich mal runter zu kommen und gewisse Dinge zu verarbeiten.

Zu allem Überfluss startete mein gut geplanter Trip, dann auch noch völlig chaotisch und wäre tatsächlich beinahe ins Wasser gefallen. Plan war, mit meinem Bike nach Portugal zu fliegen, um dann nach ein paar Tagen in Lissabon eine Tour entlang der Algarve bis nach Faro machen. Der Plan an sich war auch mega super, wäre da nicht eine Kleinigkeit gewesen, die ich bei den Transportbedingungen meines Fahrrades übersehen habe, bzw. auf die man nicht von der Airline extra hingewiesen wird, so wie das beim Handgepäck bspw. der Fall ist, wo man gefühlte 1000 Mal an alles erinnert wird, sondern die irgendwo im Kleingedruckten steht. Ende vom Lied: Elli steht in Tränen aufgelöst an der Gepäckaufgabe und muss realisieren, dass Leo (mein Bike) in Berlin bleiben muss. Kurz habe ich wirklich darüber nachgedacht, alles abzublasen. Ohne Bike, würde es wohl keinen Spaß machen und hätte gar nicht den Reiz, den ich wollte. Aber dann dachte ich mir, ich würde schon irgendeine Lösung finden. Irgendeine Lösung gibt es immer.
Leider gibt es am tollen BER keine Möglichkeit, das Fahrrad separat und sicher abzustellen. Also stellte ich es da ab, wo ich es halbwegs sicher empfand, hinterlegte den Schlüssel und war dankbar, dass MK Leo am nächsten Tag sicher zu sich nach Hause bringen würde. (Das hat dann tatsächlich auch genauso geklappt.)
Am Ende erwischte ich den Flieger auch nur knapp, da am BER mal wieder komplettes Chaos herrschte. Meine komplette Zeit, nutze ich, um am Handy bereits nach Fahrradverleihern in Lissabon zu suchen, die im besten Fall die Möglichkeit anbieten, das Bike in Faro zurückzugeben und bei denen ich aufgrund der Kurzfristigkeit nicht arm werden würde. Entspannung auf der Reise sieht anders aus. Ich stand komplett unter Strom.

Endlich gelandet, freute ich mich nur noch aufs Ankommen, damit ich endlich am Laptop in Ruhe alle Optionen durchgehen konnte. Nachdem ich über eine Stunde am Gepäckband gewartet hatte, kam die ernüchternde Nachricht: Es ist kein einziges Gepäckstück aus Berlin in unserem Flieger mit nach Lissabon gekommen. Das hatte ich auch noch nicht erlebt.
Also fuhr ich mit nur einer Fahrradtasche zu meiner Unterkunft, um festzustellen, dass ich immerhin Unterwäsche, Socken, Schlafklamotten, Ladekabel, Schuhe und meine Bücher dabei hatte. Was fehlte, waren allerdings die meisten meiner Sportsachen, normale Kleidung, sowie meine komplette Kosmetik und Nahrungsergänzungsmittel. Mist.
Ich blieb zunächst ruhig, das Gepäck würde sicher bald nachgeschickt… Aufgefunden wurde es dann am Samstagabend, also vier Tage später, kurz vor meinem Aufbruch zur ersten Bike-Etappe. Das heißt, ich verbrachte einiges an Zeit damit, zu shoppen und vor allem zu planen, wie ich mit möglichst wenig Aufwand so geschickt und minimalistisch packen konnte, dass ich mit einer Biketasche und wenig Kleidung die Tour dennoch würde fahren können. Und da ich ein Planungs-Perfektionist bin, ging dafür echt viel Energie drauf. Wie dem auch sei. Ich war am Ende dennoch happy, dass meine Tasche gefunden und zum ersten Etappenziel meiner Tour geliefert werden sollte.

Inzwischen hatte ich auch die Sache mit dem Leihfahrrad klären können. Nach mehr als zehn Anläufen hatte ich zwei positive Rückmeldungen erhalten. Es war immerhin in Portugal noch Fahrrad-Hochsaison. Eine hätte mich definitiv arm gemacht, eine war einfach mal wieder ein absoluter Glückstreffer. Das Leihfahrrad sollte nun also pünktlich am Starttag Freihaus zu meiner Unterkunft geliefert werden und der Preis war mehr als fair. Yes!

Trotz des Stresses nahm ich mir natürlich trotzdem ausführlich Zeit für das wunderschöne Lissabon. Ich legte jeden Tag um die 25.000 Schritte zurück und kam dabei ganz schön rum. Das Wetter war ein spätsommerlicher Traum. An zwei Tagen machte ich eine Walking Free Tour mit einem sehr tollen Guide. Man zahlt dabei am Ende, was man kann oder möchte. Meist sind diese Touren weitaus unterhaltsamer und ein bisschen abseits der typischen Touristen-Pfade. Ich wurde nicht enttäuscht.

Zudem habe ich jeden Tag sehr lecker gegessen und viel Eis und Pasteis del Nata (die kleinen Pudding Küchlein) geschlemmt. Außerdem hatte ich einen kleinen Flirt mit einem Marokkaner in meiner Unterkunft. Es blieb aber bei feuchten Küssen, da ich irgendwie (wie schon seit Wochen) für mehr nicht wirklich in Stimmung war. Das lag allerdings auch an ihm und seiner mit der Zeit immer penetranter werdenden Faszination von mir. Aber das kenne ich ja schon.

Es wird schnell klar, dass ich an den Tagen, die ich in Lissabon verbrachte, kaum so richtig Zeit hatte, um runterzukommen. Zuerst die Gewissensbisse wegen des Fauxpas mit dem Bike, dann der Stress, mich mit Kleidung und dem nötigsten zu Versorgen. Lissabon war toll, aber Erholung sieht für mich anders aus.
Trotzdem spüre ich nun nach den vier Tagen große Dankbarkeit. Zum einen darüber, dass ich trotz allem einen relativ kühlen Kopf bewahrt habe, nicht panisch geworden bin oder den Kopf in den Sand gesteckt habe. Zudem über die Erkennt, dass ich theoretisch meinen Urlaub sehr minimalistisch hätte überstehen können, wenn es hart auf hart gekommen wäre. Und den Gedanken fand ich generell wirklich gut. Ein kleiner Teil von mir war sogar ein bisschen enttäuscht, dass mein Gepäck nun doch wieder aufgetaucht war und ich all die vielen Sachen würde bei mir haben müssen. Aber das merke ich mir für das nächste Mal: gerade bei so einer Tour ist weniger eben wirklich mehr.

Und jetzt freue ich mich sehr auf die nächsten Tage, auf viel Natur und Meer und Wind um die Nase, auf Freisein, Zeit mit mir und meinen Gedanken und das hoffentlich baldige Einsetzen der wohl verdienten Erholung.

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