Flashback

Wieder reißen mich meine Gedanken fort in die Vergangenheit. Wieder steigen Tränen des Schmerzes in mir auf. Ich kann sie nicht zurück halten. Vor meinen Augen verschwimmen die Buchstaben. Nun steht es da – schwarz auf weiß. Herr und Frau L. sind beide der Meinung, dass die Ehe unwiederbringlich zerüttelt ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Beide stimmen der Scheidung zu. Darunter eine fünfstellige Summe, die den Wert unserer Ehe wiedergibt.

Ich dachte, ich freue mich, wenn endlich der Tag kommt, an dem ich den Scheidungsantrag in den Händen halte. Doch unweigerlich beginne ich zu beben. Mir bleibt die Luft weg, irgendetwas schnürt mir die Kehle zu und ich kann kaum noch atmen. Ich sitze am Fenster, eine Hand klammert sich an die Heizung, damit ich nicht vom Stuhl falle. Alles um mich herum dreht sich. Ich stehe auf und versuche herum zu laufen, versuche Halt zu finden. Doch ein Strudel aus Trauer und Emotionen zieht mich immer tiefer in sich hinein. Tränen laufen über meine Wangen. Die Verzweiflung ist wieder da. Ich resigniere. Ich kann den Schmerz kaum ertragen. Er bricht sich Bahn und verschlingt mich für Minuten. Auch Stunden später bebt es noch in mir. Jeden Moment drohen die Tränen wieder hervorzubrechen. Ich versuche ihn da sein zu lassen, den ungebetenen Besucher. Ich versuche, ihn irgendwie auszuhalten. Es gibt nichts, was ich ändern will. Es gibt nichts mehr, was ich ändern kann. Es bleibt mir also nichts, als still auszuharren und zu warten, bis er wieder geht. Bis sich der Sturm wieder legt, bis wieder Frieden einkehrt.

Und dann denke ich an dich – Herr L. Und auch wenn ich dich verabscheue, wenn du für mich ein Fremder geworden bist – ich nicht mal genau weiß, ob ich dich jemals kannte. Auch wenn ich so empfinde, dann frage ich mich doch, wie es dir geht. Bist du so eiskalt, wie das gräuliche Papier, von dem mich die fetten schwarzen Buchstaben vom Scheidungsantrag anstarren? Sind deine Gefühle und Gedanken so stumpf und sachlich, wie die Worte, die verkünden, dass wir nach fünf Monaten Ehe unseren gemeinsamen Haushalt aufgelöst haben und Frau L. aus der gemeinsamen Wohnung auszog?
Sicherlich werde ich das niemals erfahren. Im Grunde will ich es auch gar nicht, weil ich ohnehin niemals sicher sein kann, ob du vielleicht ausgerechnet in diesem Moment aufrichtig bist.

Was passiert, wenn wir uns in wenigen Wochen ein letztes Mal gegenüber stehen, uns den Stift in die Hand geben und unsere Namen ein letztes Mal auf ein und das selbe Stück Papier schreiben? Gibt es einen trockenen Händedruck? Ein Lebewohl?! Ist diese Unterschrift gleichzeitig ein Radiergummi für einen kleinen Teil unseres Lebens?
Dann wird es nichts mehr geben, was uns verbindet, außer Erinnerungen. Erinnerungen, die mit der Zeit verblassen, unscharf werden und irgendwann nur noch als graue Schleier irgendwo in unseren Köpfen existieren. In unseren Herzen? Nein, ganz sicher nicht. In meinem Herz ist kein Platz mehr für dich.

Dann werde ich ein letztes Mal den Schmerz hereinlassen, ihn vielleicht sogar herein bitten, um alle Tränen restlos aufzubrauchen. Ich lasse sie fließen. Ich lasse sie den Schmerz und die Trauer wegspülen. Ich habe die Hoffnung, dass ich dann vielleicht anfange endlich wirklich frei zu sein. Und ich hoffe, dass ich es irgendwann bin, wenn ich endlich alles verstanden habe, wenn ich endlich wirklich begreife, was passiert ist und wenn ich endlich aufhöre, mich schuldig zu fühlen.

2 Gedanken zu “Flashback

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