Der Tiger und der Wolf

Es war einmal ein hungriger Wolf, der streifte durch den unendlichen Wald auf der Suche nach zartem Fleisch, welches er genüsslich verspeisen konnte. Plötzlich erspähte er ein Reh, welches sich langsam und mit großen Augen näherte. In den Rehaugen spiegelten sich Neugier und Freude und gleichzeitig Angst und Schmerz. Der Wolf war sehr angetan von dem sensiblen Wesen und fing an, es eingehend zu beschnuppern. Das Reh war leicht und anmutig, verspielt, vielleicht etwas zu unbedarft und nicht immer auf der Hut vor Gefahr, aber in seinem Freiheitsdrang letztlich nicht zu stoppen. Das sah der Wolf mit seinem scharfen Verstand gleich auf den ersten Blick. Sein Kampfgeist war geweckt und er gab sich große Mühe, das Reh mit schmeichelnden Worten und Gesten zu erobern. Das Reh fand Gefallen an dem wilden, hungrigen Wolf und ließ sich bereitwillig in seine Arme fallen. Der Wolf fand das Reh überaus lecker, vor allem, weil es keine leichte Beute war. Fortan verbrachten die beiden viel Zeit miteinander und nahmen die Witterung des anderen tief in sich auf.

Eines Tages jedoch stellte der Wolf fest, dass das Reh sich verwandelte. Es war gar nicht so unbedarft, wie er anfangs angenommen hatte. Es zeigte immer mehr Stärke und Kampfgeist, manchmal sogar ungestüme Kraft. Da merkte der Wolf: aus dem Reh wurde eine anmutige Tigerfrau mit starkem Willen und Persönlichkeit. Der Wolf fühlte sich herausgefordert: Ja, er wollte mit dem Tiger in den Ring steigen, Kämpfe ausfechten.

Und so kam es, dass Wolf und Tiger sich immer öfter über den Weg liefen. Manchmal blieb es nur beim Schnuppern. Manchmal kratzten und bissen sie sich vorsichtig und schnurrten dabei wohlig. Und manchmal fielen die Raubtiere wie wild über einander her, kämpften bis sie nicht mehr konnten und erschöpft liegen blieben.
Doch es lauerte Gefahr in den Wäldern. Denn zum Wolf gehörte auch eine Wölfin und zwei kleine Wolfskinder. Wenn er mit ihnen zusammen war, dufte sich die Tigerfrau nicht in seine Nähe wagen. Aber wenn die beiden sich allein in der Tigerhütte trafen, konnten sie alles teilen und bauten sich eine ganz besondere Verbindung auf.

Der Wolf half dem Tigerweibchen, alte Wunden zu lecken. Zuvor hatte eine fiese Schlange der Schönen einige tiefe, giftige Bisse verpasst. Manchmal kam das zarte Rehlein wieder zum Vorschein und das brauchte die starke Schulter des Wolfs zum Anlehnen. Irgendwann passierte das immer öfter und die leidenschaftlichen Kämpfe wurden weniger. Außerdem kam es, dass sich plötzlich ein Tigermännchen näherte, welches das Interesse der Tigerdame weckte. Der Tiger war ganz verzückt und holte den anderen Tiger immer öfter und immer tiefer in die Tigerhöhle, sodass für den Wolf irgendwann kein Platz mehr war.

Irgendwann stellte sich allerdings heraus, dass der andere Tiger gar kein Tiger war. Er hatte nur vorgegeben, eine wilde Raubkatze zu sein. In Wirklichkeit war er nur ein kleines Kätzchen, was bei sich selbst noch allerhand Wunden leckte und dann zu allem Überfluss im Versuch eines Kampfes dem Tigerweibchen einige schmerzhafte Kratzer zufügte. Das gefiel dem Tiger gar nicht und er warf die gemeine Katze aus seinem Bau.

Der Tiger sehnte sich nach der Stärke, der Wertschätzung und der Souveränität des Wolfes. Seine Gegenwart hatte ihm immer so gut getan, bei ihm fühlte er sich immer wohl und sicher. Und immerhin gab es jetzt Schlangenbisse und Katzenkratzer zu heilen. Doch auch der Wolf war verletzt durch die Zurückweisung des Tigers und er hatte nicht mehr die Kraft, den Schwermut des Raubkätzchens zu tragen. So zog sich der Wolf immer mehr in seine eigene Höhle zurück, was den Tiger traurig und unsicher machte.
Der Tiger wusste, was er am Wolf hatte, dass sowohl als treuer Freund, als auch als würdiger Gegner im Kampf immer Verlass auf ihn gewesen war. Dass er eine Bereicherung war und dem Tiger geholfen hatte, nach dem Kampf mit der Schlange wieder auf die Beine zu kommen. Und er musste einsehen, dass er die Fürsorge Wolfes zu oft in Anspruch genommen hatte und sich immer wieder das scheue Rehlein zeigte. Die Leidenschaft der Gefährten blieb auf der Strecke. Dabei sehnte sich auch das Tigerweibchen so sehr nach dieser besonderen und einzigartigen Leidenschaft.

In seiner Verzweiflung suchte der Tiger Rat bei einem weisen Raben. Der untersuchte die Wunden des verletzten Tigers und hörte sich seine Sorgen an. Er wusste, die Wunden mussten heilen, das Tigerchen durfte sie nicht immer wieder mit seinem scharfen Krallen aufreißen. Er behandelte sie mit einer Tinktur und heilenden Verbänden, so lange bis nur noch kaum sichtbare Narben zurückblieben und das schöne Fell der Tigerlady wieder glänzte und ganz weich war.

So gestärkt und voller neuer Kraft trat die Tigerdame dem Wolf gegenüber. Er war beeindruckt von ihrer Ausstrahlung und der wieder erwachten Anmut und Kraft. Endlich konnten sie sich wieder annähern, beschnuppern und ihre Kämpfe austragen. Das Vertrauen hatten die beiden nie verloren und konnten die Beziehung jetzt wieder vollkommen aufleben lassen und gemeinsam viele Abenteuer erleben. Und wenn sie nicht gestorben sind, so kämpfen sie noch heute leidenschaftlich…

 

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