Späte Erkenntnisse

Meine Ehe ist Geschichte, so viel steht fest. Dennoch kann man manchmal nicht beeinflussen, dass einen dann und wann Dinge aus der Vergangenheit wieder einholen. Und manchmal wirbeln solche Dinge noch einmal etwas Staub auf. Natürlich denke ich hin und wieder an meinen Ex-Mann. Aber all die Erinnerungen sind nur kleine Schatten in meinem Kopf, die kommen und gehen. Kürzlich habe ich jedoch eine Sache erfahren, die kurz, aber wirklich nur ganz kurz, einen kleinen Orkan heraufbeschworen hat.

Ich habe eine Freundin, zu der der Kontakt schon vor mehr als zwei Jahren abriss. Es gab einen Streit, dessen eigentlichen Grund ich damals nicht verstand. Die Fronten verhärteten sich und so verloren wir uns aus den Augen. Ich war verletzt und wusste nicht einmal wirklich warum. Gleichzeitig hatte ich ein schlechtes Gewissen, da ich das Gefühl hatte, ihr auch etwas Schlimmes angetan zu haben. Ich denke, dass ich auch deswegen weiterhin die Distanz wahrte. Letztes Jahr, kurz nach meiner Trennung meldete sie sich wieder. Zu einem Treffen kam es aber nie. Da ich genug um die Ohren hatte, nahm ich es so hin. In meinem noch immer verletzten Stolz dachte ich mir, vielleicht wollte sie nur die brisanten News abgreifen und sich wie auch immer daran laben. Ich wusste ja nicht, was wirklich passiert war und was ihre Motive waren.

Vor zwei Wochen schrieb sie mir wieder. Ich war nach wie vor skeptisch. Ein Teil von mir nahm es ihr weiterhin übel, da ich ja immer noch im Dunkeln tappte. Dennoch war ich neugierig und ein anderer Teil von mir erinnerte sich auch daran, dass wir immer viel Spaß und doch ein sehr vertrautes Verhältnis hatten. Spätestens als sie meinte, wir konnten doch immer gut zusammen quatschen und Wein trinken, wurde ich weich. Sie wohnte mittlerweile auch allein und lud mich in ihre neue Wohnung ein. Ich beschloss unvoreingenommen, dem ganzen eine Chance zu geben. Und tatsächlich hatte ich mir zuvor kaum Gedanken gemacht, ob ich unseren Streit ansprechen wollte oder nicht. Immerhin waren mehr als zwei Jahre vergangen und es war eine Menge passiert. Ihr Freund hatte sie ebenfalls nach jahrelanger Beziehung verlassen. Sie berichtete von der Trennung und allem, was damit einher gegangen war und ich konnte jedes einzelne Detail so gut nachvollziehen, hatte ich doch genau ein Jahr zuvor Ähnliches durchgemacht. Und schon hatten wir wieder etwas, das uns irgendwie verband.

Und dann aus heiterem Himmel sprach sie unsere Auseinandersetzung an. Es ging um einen Abend wenige Wochen vor meiner Hochzeit. Wir waren als Doppeldate unterwegs und hatten wie immer jede Menge Spaß und jede Menge Alkohol. Irgendwann fingen wir Mädels an zu knutschen. Ich erinnere mich noch heute an ihre weichen Lippen. Mein Ex-Mann war davon sehr angetan und machte Fotos und befeuerte das kleine Tächtelmächtel. Ihr Freund dagegen schien es eher gleichgültig hinzunehmen. Im Grunde war es auch egal. Gestört hat sich zumindest keiner daran und das Ganze sollte auch eine Sache ausschließlich zwischen mir und ihr sein. Bis irgendwann mein Ex-Mann mit dazu kam und auch die beiden sich küssten. Für mich war das alles kein Problem. Es geschah im Rausch der Situation. In meiner Erinnerung passierte das einvernehmlich, vielleicht war es aber auch nur die Erinnerung, die er mir später einredete. Wer weiß. Es spielt im Grunde auch keine Rolle.
Am nächsten Morgen wusste ich jedenfalls nicht mehr allzu viel von dem Abend. Ich hatte doch das ein oder andere Glas zu viel getrunken. Meine Freundin distanzierte sich daraufhin mehr und mehr von mir. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und fragte meinen Ex-Mann immer wieder über diesen Abend aus. Nach allem, was ich wusste, gab es nichts, was irgendwie merkwürdig gewesen sein könnte. Und ich versicherte ihr auch, dass soetwas nicht noch einmal passieren würde, wenn sie es nicht wollte.

Irgendwann…fragt mich nicht wieso, eskalierte die Situation aber so sehr, dass es plötzlich bitterböse Nachrichten gab zwischen allen Beteiligten (und noch ein paar weiteren Freunden) und ich verstand die Welt nicht mehr. Es wurde alles zu einer riesigen Wolke aufgebauscht. Ich (bzw. wir) wurde für etwas angeklagt und ich wusste nicht was. Ich saß heulend auf dem Sofa und war einfach nur verzweifelt. Mein Ex-Mann tröstete mich, versuchte selbst die Wogen zu glätten. Kurz vor der Hochzeit brach der Kontakt dann ab. Ich war am Boden zerstört. Was war denn nur passiert? Verletzung und schlechtes Gewissen zugleich über eine Sache, deren Ursprung für mich einfach nicht greifbar war. Es dauerte lange, bis ich das alles verdaut hatte.

Ich war dankbar, dass sie das Thema bei unserem Wiedersehen ohne Umschweife ansprach und auch direkt zur Sache kam. Als mein Ex-Mann sich ihr näherte, ist mehr passiert, als nur ein Kuss und das hat bei ihr eine Grenze überschritten. Sie war lediglich an mir interessiert gewesen und das hatte er nicht respektiert. Ich war schockiert und mir stiegen Tränen in die Augen. Zum einen, weil ich diese Grenzüberschreitung ebenso wenig zugelassen hätte, zum anderen, weil es mir ihr gegenüber so unendlich leid tat. Ich kenne diverse Arten sexueller Übergriffe von ihm und anderen Männern zu gut und weiß, wie sich das anfühlt. Ich wusste davon nichts, dabei hatte ich ihn doch so oft gefragt, ob es noch irgendetwas geben würde, das ich wissen sollte. Es tat mir so unglaublich leid, ich konnte es nicht mal in Worte fassen. Jetzt verstand ich die Situation allmählich. Er wollte sich diese Blöße nicht geben und sie hatte Angst, ihn vor mir anzuschwärzen, da sie weder ihn noch mich gegen sich aufbringen wollte, da wir zu der Zeit ein Geheimnis von ihr hüteten.
Meine Emotionen brodelten. Ich zitterte. Ich fühle mich verraten und benutzt, hintergangen, allein gelassen, hilflos und ausgeliefert. Zugleich war ich wütend und traurig. Wieder einmal hatte er die Kontrolle über mich und mein Leben ergriffen. Und ich hatte sie nicht beschützen können. Und dieser Idiot hatte mir noch die Tränen getrocknet.
Jetzt verstand ich auch, wieso mein Ex-Mann bei ihrem Kontaktversuch vor einem Jahr so neugierig war und mir sogar von einem Treffen abriet. Er hatte tierische Angst bekommen, dass nun doch noch alles auffliegen könnte. Tja mein Lieber, irgendwann kommt eben alles ans Licht. Und ich will ehrlich sein, ich hatte wirklich ziemlich große Lust, ihm das alles an den Kopf zu werfen, ihn zu schütteln und zu schlagen. Weißt du überhaupt, was du getan hast? Gebracht hätte es mir aber vermutlich nichts.

Ich brauchte eine Weile, das alles für mich sacken zu lassen. Ich habe stundenlang gegrübelt über diesen Abend und versucht, alle Puzzleteile richtig zusammen zu setzen. Aber es blieben überall Lücken. Bis ich begriff, dass ich dies mit bloßen Gedanken nicht würde retten oder richtig stellen oder gänzlich begreifen können. Ich konnte nur die Gefühle da sein lassen und mit ihnen umgehen. Und ich habe wirklich befürchtet, diese Geschichte würde mich in allem, was ich bisher bewältigt habe, wieder zurückwerfen. Dem war zum Glück nicht so. Ich bin mittlerweile so stabil, dass mich das nicht mehr umhauen konnte, jetzt nicht mehr. Und im Grunde hat sich damit nur bestätigt, was ich in den letzten zwei Jahren immer mehr begriffen habe. Als Narzisst lag es in seinem Naturell, mich zu manipulieren, so dass er in gutem Licht dasteht und das hier ist nur eine besonders bittere von vielen Anekdoten, die ich darüber erzählen kann. Und selbst wenn sie sich mir anvertraut hätte, hätte er das sicher zu relativieren gewusst und vermutlich hätte ich ihm damals sogar geglaubt. Heute würde ich sagen, dass ich ihn mit diesem Wissen nicht geheiratet hätte. Aber heute bin ich auch ein anderer Mensch. Und heute weiß ich auch, dass ich keinen Mann mehr zwischen irgendeine Freundschaft kommen lasse.

Insofern bleibt nur zu sagen, dass die Trennung von diesem Menschen die beste Entscheidung meines Lebens war. Und diese Freundschaft ist nicht die einzige, die das überlebt hat. Wahre Freundschaft kann so etwas überstehen und es macht sie am Ende nur noch stärker. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir uns diesmal nicht so schnell wieder aus den Augen verlieren.

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