Lockdown vs. Lockdown light

Ja Leute, ich möchte zu dem Thema etwas schreiben. Zum einen, weil das nun mal die reale Gegenwart ist. Ich kann verstehen, wenn man immer mal wieder an den Punkt kommt, zu sagen: nicht schon wieder dieses leidige Thema. Aber es ist nun mal da! Zum anderen, merke ich, ich MUSS darüber von Zeit zu Zeit reden und meinen Gedanken Raum geben. Ich denke, das liegt in der Natur des Menschen. Wir müssen alle verarbeiten, was gerade passiert.

Wenn ich an den ersten Lockdown zurück denke, denke ich an Angst und an Unsicherheit. Ich denke aber auch an ganz viel gefühlte Nähe trotz Distanz. Ich denke an viel Nächstenliebe. In meiner Erinnerung haben die Leute mehr auf ihre Mitmenschen acht gegeben, Hilfe angeboten, sich öfter angerufen…. Wie viele Videocalls hatte ich in der Zeit? So viele, dass es mich selbst schon wieder fast nervte. Und irgendwann kam die Akzeptanz, die Angst wurde etwas nebensächlicher, vor allem, weil es irgendwann wieder bergauf ging. Die Menschen fassten wieder Mut und hatten Hoffnung. Und die Zeit haben wir dann ja doch irgendwie für die schönen Dinge genutzt. Da war viel Kreativität, gerade was Unternehmungen anging. Ich habe Dinge gemacht, die ich ohne Corona nicht getan hätte. Dinge, die es ohne Corona nicht gegeben hätte. Corona brachte uns einen Ausnahme-Sommer, der alles andere als schlecht war. Ich erinnere mich an Nächte im Park, die legendär waren. Ich denke an meine Beziehung, die vermutlich ohne Corona auch nicht zustande gekommen wäre. Auch wenn sie am Ende scheiterte. Ich denke gern zurück an meine Radtour. Vermutlich hätte ich die auch nicht gemacht, meine Pläne waren immerhin andere für den Sommer. Ich denke daran, wie toll es war, als es endlich Lockerungen gab und wir wieder Musik machen durften, was für ein Freiheitsschlag.
Und natürlich denke ich auch an all die Sachen, die in diesem Jahr nicht stattfinden konnten. Festivals, Konzerte und Clubbesuche, Reisen, ich sah meine Familie selten so wenig…. Und irgendwie erscheint diese Realität, die wir noch 2019 hatten, mittlerweile irre weit weg. Vor allem, wenn wir uns anschauen, wo wir jetzt wieder stehen.

All diese schönen, teilweise neuen Sachen haben uns auch leichtsinnig gemacht. Aber es liegt in der Natur des Menschen, Negatives auszublenden, wenn es denn geht. Und so ist jeder von uns ein kleines bisschen mit Schuld, dass wir nun da sind, wo wir sind. Zusätzlich ist es eben auch ein Virus, welcher nicht erforscht ist. Und ich brauche nicht erwähnen, dass auch unsere Regierung im Sommer ziemlich faul war. Wir waren naiv, weil wir es so wollten. Wir wollten glauben, dass es mit dem Lockdown im Frühjahr alles gegessen sei und die Normalität zurückkehrt. Auch das ist mehr als menschlich. Außerdem standen wir eben damals am Anfang des Sommers. Das Wetter wurde besser, es wurde wämer. Manche Einschränkungen waren im Sommer einfach weniger schlimm.

Auch ich habe lange die Augen davor verschlossen, dass es einen zweiten Lockdown geben könnte. Ich war ja gerade so in Fahrt. Die Nachricht traf mich wie ein Schlag. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Das Schlimmste trat (bisher) nicht ein. Ich hatte widererwarten so viel Arbeit wie nie zuvor. Das war in gewisser Weise meine Rettung. Nach dem Ende meiner Bezieung hatte ich etwas, worauf ich mich konzentrieren konnte. Das waren zum einen meinen eigenen Probleme, aber eben auch die Arbeit. Und zum dritten Mal in diesem Jahr schaffte ich für mich einen neuen Alltag, mit dem ich leben kann. Eigentlich ist das fast nur Arbeit und Sport. Aber hey, man kann es schlimmer haben. Mein Fitness-Studio bietet tolle Online-Kurse an. Was zur Folge hat, das ich aktuell so fit wie nie bin. Das alles gibt mir zumindest eine Basis, mit der ich erstmal leben kann.

Ich muss sagen, ich gehe auch gar nicht mehr so gerne raus. Denn was sich entscheidend verändert hat, ist die Einstellung vieler Menschen. Ich fühle mich nicht mehr wohl in Einkaufspassagen und auf belebten Straßen. Ich trage dort meine Maske freiwillig, weil ich mich und andere schützen will. Zuminmdest bei mir hat es klick gemacht. Die Menschen kommen mir rücksichtslos und teilweise aggressiv vor. Vielleicht liegt es daran, dass man außer einkaufen nicht mehr viel machen kann. Vielleicht sind viele es auch einfach leid oder wollen es noch immer nicht wahrhaben. Und ein bisschen ist es eben auch der Winter und die Dunkelheit, die uns allen zuschaffen macht.
Die Strategie „bis Weihnachten senken wir die Zahlen“ ging mit unserem Flickenteppich-Lockdown-Light nicht auf. Nichts mit „Weihnachten retten“. Schaut euch an, wo wir jetzt sind. Lockdown über Weihnachten. Und Angela stammelt immernoch von Empfehlungen, sich nicht mit zu vielen zu treffen. Das macht mich echt wahnsinnig. Wieso hat keiner den Schneid, mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: So radikal und nicht anders?! Verhängt Bußgelder und Strafen! Nein, stattdessen verschwendet man Zeit damit, Soloselbstständige zu verklagen, weil sie versuchen ihre Existenz mit mikrigen Soforthilfen zu sichern und sich im Dschungel der deutschen Bürokatie verzetteln. Nehmt Bußgelder von Idioten und gebt es denen, die es brauchen!

Mal davon abgesehen: was ist die Welt ohne Kultur. Angefangen von den Musikern, deren Leidenschaft es ist, bis hin zum mitfiebernden Publikum. Ich möchte das alles wieder haben. Weil auch das Teil meines Lebens ist.

Ich habe mich damit schon länger arrangiert, dieses Jahr an Weihnachten nicht bei meiner Familie zu sein und das hat auch andere Gründe als Corona. Aber ich finde es insgeheim auch richtig. Um es mal radikal zu sagen: es ist „nur“ Weihnachten. Wenn du deine Familie liebst, fahr einfach nicht zu ihr! Natürlich verstehe ich, wenn Menschen gern bei ihren Familien sein wollen, gerade für uns Singles ist es schwer. Andererseits denke ich, wenn wir mal ein Jahr zurückstecken, bringt uns das auch nicht um. Im Gegenteil! Im Worstcase war es nämlich sonst für einige das letzte Weihnachten. Wir sollten lieber daran denken, was es nachhaltig bewirkt, anstatt über ein paar Tage zu heulen. Insofern wäre der komplette „harte“ Lockdown schon vor Wochen angemessen gewesen. Aber gut, ein „was wäre wenn Hin und Her“ bringt niemanden weiter. Ich hoffe sehr, dass mehr Menschen diese Einstellung teilen. Erst heute habe ich erfahren, dass auch in meiner Familie jemand erkrankt ist. Und natürlich wünscht man sich dann nur, dass alles gut gehen wird und der Verlauf mild ist. Aber es macht auch noch einmal deutlich, dass Corona eben nun mal real ist.

Und wieder stehen wir da und alles ist ungewiss. Ich denke, die Weihnachtszeit ist eigentlich genau richtig für den Lockdown. Vielleicht kommen die Menschen dann wirklich mal zur Ruhe, wenn Konsum nicht so möglich ist wie sonst. Wenn man gezwungen ist, im engsten Kreis einfach nur zusammen zu sein. Und wisst ihr was: genau das ist doch der Gedanke von Weihnachten. Ruhe, runterkommen, entspannen. Natürlich vermisse ich meine Familie, aber ich freue mich auch auf keinen Reisestress, keine Verpflichtungen und einfach machen, wonach mir gerade ist. Für mich ist Weihnachten auch in vielerlei Hinsicht auch anstrengend. Ich habe noch keine genaue Idee, wie ich die Feiertage für mich gestalten will. Aber es wird zum ersten Mal MEIN Weihnachten und der Gedanke fühlt sich im Moment erstmal richtig gut an.

Die Zukunft ist für alle ungewiss. Mich tröstet das zumindest ein bisschen. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Das sollten wir uns mal bewusst machen. Vielleicht funktioniert das so schlecht, weil die Schwere zwischen arm und reich immer größer wird. Weil einerseits Menschen um ihre Existenz bangen und andere viel zu viel Stress haben, andere sogar davon profitieren.

Wie immer habe ich keinen materiellen Weihnachtswunsch. Ich wünsche mir und allen anderen Klugheit, Einsicht, Akzeptanz und Nächstenliebe. Wen man wirklich liebt, den liebt man auch über jede mögliche Distanz.
Vor allem aber wünsche ich mir für uns alle eine hoffnungsvolle Zukunft. Ich wünsche mir, das geliebte Dinge wieder kommen. Ich wünsch mir aber auch, dass diese Krise Dinge nachhaltig zum positiven verändert. Ich bin bereit für ein neues Jetzt, wer noch?