Riga 2023 – throwback Latvia

2008/09 habe ich in einer kleinen lettischen Stadt nahe der russischen Grenze meinen europäischen Freiwilligendienst absolviert. Damals war ich frische 18 und eigentlich war Osteuropa nie Ziel auf meiner (Lebens-)Reise-Bucketlist gewesen. Rückblickend bin ich dankbar für die Erfahrung, vor allem, weil sie herausfordernd war.

Ursprünglich sollte ich in einem Pflegeheim eingesetzt werden. Die Wirtschaftskrise und weitere Umstände waren allerdings der Grund dafür, dass man uns alles andere als herzlich willkommen hieß. Wenn man sich als junger Mensch, so weit von zu Hause entfernt, so ungebraucht fühlt, dann kommt Heimweh plötzlich schneller, als man denkt. Und so stand ich bereits nach sechs Wochen vor Entscheidung Abbruch oder irgendwie das Ruder noch rumreißen.
Und wer mich heute kennt, dem wird schnell klar: Ruder rumreißen! Und das habe ich auch gemacht.

Musik öffnet Türen und verbindet. Das ist mehr als nur ein Spruch. Dass ich meine Trompete damals mit nach Lettland genommen habe, hat mir meine Zeit dort gerettet. Ich fing an, aktiv zu werden und spielte bald im Schulorchester, in der Big Band und im Stadtorchester des kleinen Ortes. Musik und musikalische Aktivität wird in Lettland großgeschrieben. Zugegeben: Irgendwas Aktives musste man in der gottverlassenen Kleinstadt ja tun. Nur Saufen ist ja auch keine Option. Oder doch? Naja… trinken lernte ich in Lettland und vor allem mit den hiesigen Musikern auf jeden Fall.
Ich war jedenfalls extrem dankbar, dass ich in den Ensembles so gut aufgenommen wurde. Und weil ich mutig war, fing ich an, meine anfängliche Schnapsidee, ggf. mein Heimatorchester nach Lettland zu holen, zu artikulieren und siehe da, aus Spaß wurde ganz bald Ernst und damit war meine Langeweile auch passé. Ich hatte gute sechs Monate Zeit, um alles zu organisieren, zu proben und letztendlich die Reise meines Heimatorchesters mit ihnen gemeinsam in die Tat umzusetzen. Und ihr könnt es euch denken, das Wochenende (Anlass war ein lettisches Musikfestival) wurde für alle Beteiligten unvergesslich.
Ein Jahr später luden wir die Letten dann zu unserem Orchesterjubiläum nach Deutschland ein. Die Wiedersehensfreude war unglaublich. Ich spürte auf allen Seiten unfassbar viel Dankbarkeit. Ich fühlte mich wichtig, gebraucht, unersetzbar.
Noch lange wurde über diese beiden Ereignisse gesprochen. Ich selbst werde die Zeit nie vergessen.

Und so verließ ich Lettland nach insgesamt 10 Monaten mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Natürlich hatte ich Freunde gefunden, auch Liebschaften. Ich hatte Land und Leute irgendwie lieben gelernt, auch wenn es alles andere als leicht war. Wie ihr euch denken könnt, war Lettland bei weitem nicht so fortschrittlich wie Mittel- oder Westeuropa. Wir lebten spartanisch. Mit Wir meine ich übrigens mich und vier andere Freiwillige. Im Nachhinein war ich auch darüber dankbar, weil es mich gelehrt hat, mit dem Nötigsten klarzukommen, wenig zu haben und dennoch das Beste aus meiner Situation zu machen. Und das hatte ich am Ende tatsächlich geschafft, darauf war ich sehr stolz und irgendwie wollte ich mir dieses geile Gefühl konservieren und nie wieder loslassen. Denn immer, wenn das Hoch mit all dem Adrenalin und den Endorphinen vorüber war, stürzte ich in ein tiefes Loch.
Zugleich war da auch viel Erleichterung, endlich nach Deutschland zurückkehren zu können. Ich hatte dort ja auch meine Freunde und der nächste Programmpunkt „Studium“ stand dann ja auch bald an.

Im Nachhinein konnte ich jedenfalls behaupten, dass diese Lettland-Erfahrung mir echt eine Menge gegeben hat. Kampfgeist, Selbstständigkeit. Ich bin viel im Baltikum gereist und habe die Einsamkeit irgendwann zu schätzen gelernt. Zugleich hat sie mich aber auch ausgelaugt. Ich wusste damals nicht, wieso ich mich so fühlte, wieso ich so unfassbar starkes Heimweh hatte. Also… ich wusste es nicht wirklich. Ich dachte, das wäre normal. Heimweh eben. Heute weiß ich, dass diese emotionale Leere, ich so heftig spürte, mehr Tiefe hatte. Ich hatte damals schon Depressionen, ich hatte damals schon eine Essstörung und konnte auch damals schon nicht trinken. Ich wusste eben leider nur nicht genau, woher das alles kam.
Aber ehrlich, es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn ich das damals alles schon durchschaut hätte.

Heute laufe ich durch Riga und fühle mich erwachsen. Ja, wirklich, weil ich es wirklich bin. Es ist viel passiert in den letzten 15 Jahren. Studium, Jobs, Heirat, Scheidung, Selbstständigkeit, Selbstfindung und Heilung.
Damals war die Stadt so groß. Heute kommt sie mir viel kleiner vor. Aber heute lebe ich auch in Berlin.
Heute blicke ich auf mein Leben zurück und bin echt happy damit. Nicht, weil ich echt viele Steine hatte, die in meinem Weg rumlagen oder Lawinen und Felsbrocken mir das Vorankommen immer wieder schwer gemacht haben. Ich bin stolz, weil ich schon immer eine Person war, die einfach nicht aufgibt und die immer ein bisschen mehr gibt. Und das hat Lettland mir nicht beigebracht, das hat Lettland lediglich hervorgebracht.

Ich habe in den letzten drei Tagen nicht wirklich viel gemacht, außer von Café zu Café zu laufen, die Stadt auf mich wirken zu lassen. Es war weder besonders schwer, noch sonderlich leicht. Vielleicht lag es auch ein bisschen am Regenwetter. Ein Teil von mir hat mehr inneren Sturm erwartet. Der blieb aber aus. Und mal wieder fühlt es sich so an, als wäre es genau der richtige Moment gewesen, der Eingebung zu folgen, den Flug zu buchen und hierher zurückzukommen. Wie das eben oft so ist.

Zuerst dachte ich: krass, Riga hat sich kaum verändert. Und das hat mich gefreut. Dann musste ich feststellen, dass einige meiner Lieblingsplätze von damals verschwunden waren. Geschlossen, abgerissen… Das machte mich irgendwie traurig. Dann aber sah ich ein, dass ich nicht die Zeit von damals wiederbeleben kann, musst oder sollte. Es ist gut so. Heute ist mein Herz noch immer in Lettland Zuhause. Und dennoch bin ich Gast. Ich kann herkommen, mich freuen, neues entdecken, einfach da sein, ohne Stress. Ich muss hier nichts mehr erledigen. Ich muss hier nicht bleiben. Und das entspannt mich und irgendwie spüre ich weitere Bereich in meinem Leben, auf die ich dieses Gefühl übertragen möchte.

Radikale Gelassenheit. Die Dinge annehmen, wie sie sind. Ich muss nicht alles gut finden. Aber ich kann die Vergangenheit ruhen lassen. Und irgendwie war die Reise dafür wichtig. Es ist, als hätte ich genau die 15 Jahre gebraucht, um das zu verstehen, zu verinnerlichen und mir selbst den Druck zu nehmen. Das heißt nicht, dass ich jetzt „fertig“ bin. Wer ist das schon? Was wäre dann? Kann ich jetzt sterben? Nein, sicher nicht. Aber vielleicht kann ich dann mal anfangen mit diesem Glücklichsein, von dem so viele reden.

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