Ich bin nicht meine Gedanken

Oder wie Kurt Krömer es in seinem gleichnamigen Buch sagt: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Und damit hat er wirklich recht.
Auf Regen folgt Sonnenschein und umgekehrt. Das weiß ich mittlerweile. Und so ist es unumgänglich, dass ich nach meinem Anflug von Happiness mehr oder weniger direkt wieder in ein depressives Tal schlittere. Das ist okay, ich kenne das.
Bereits vor sieben oder acht Jahren wurde mir eine Depression diagnostiziert. Aber das hat damals keiner wirklich ernst genommen. Und weil alle um mich herum nur dachten, ich würde mich damit nur aufspielen oder sagten „sowas haben doch nur andere“, bin ich dem auch nicht nachgegangen, habe gewartet, bis alles wieder besser wurde. Ich habe mich nicht mit meinen Problemen befasst, also hatte ich auch keine. Und dann habe ich weiter daran gearbeitet, mir mein vermeintlich perfektes Leben mit dem Ziel Mann, Kind und Haus aufzubauen und mich so noch ein paar Jahre selbst verarscht.
Rückblickend macht es mich irgendwie traurig, auch ein bisschen wütend, denn wo wäre ich mental jetzt wohl, wenn das damals irgendwer ernst genommen hätte? Aber es ist zermürbend, über „was wäre, wenn..“ nachzudenken. Daher lasse ich das und betrachte lieber den Status quo.
Seit Wochen beobachte ich an mir selbst, dass ich mich zudröhne. Sei es mit Social Media, Netflix, sozialen Kontakten, Essen… meine Methoden sind vielfältig. Und es bedeutet Stress. Das war mir anfangs gar nicht klar. Zudem schlafe ich wieder extrem schlecht ein, weil ich stundenlang nicht zur Ruhe komme. Das hat zur Folge, dass ich morgens müde und antriebslos bin, das zieht sich durch den ganzen Tag. Zu Vielem muss ich mich zwingen. Bei Verabredungen hoffe ich manchmal, dass sie abgesagt werden, um guten Gewissens allein sein zu können.
Wieso dieses „Zudröhnen“? Ich habe bereits ein paar Mal erwähnt: Alkohol fällt seit einiger Zeit weg, daher suche ich eben andere Dinge, um mich abzulenken von Gedanken und Sorgen und auch von meinen Gefühlen. Ist alles für den Körper weit weniger schädlich. Mental gesehen ist aber auch dieses Coping irgendwie grenzwertig. Zumindest hinterlässt es auf Dauer ein unangenehmes Gefühl. In mentalen Hochphasen alles kein größeres Problem. Wir wissen ja, auch depressive Menschen lachen von Zeit zu Zeit. Aber in den weniger guten Phasen, wirkt sich diese Art von Betäubung noch destruktiver auf meine gesamte Stimmung aus, das wiederum schränkt mich extrem im Alltag ein und beeinflusst auch mein Beziehungsleben, ich werde stumpf und taub. Teufelskreis. Ich flüchte mich immer mehr in eine konstruierte Welt, bis ich mir selbst fremd werde. Ich merke das vor allem daran, dass ich selbst kaum noch Content produziere, kaum Interessen oder Meinungen habe, weil ich den Fokus verliere. Ich sauge alles auf wie ein Schwamm und bin dann buchstäblich einfach voll und übersättigt und extrem erschöpft.

Diesmal war der Auslöser des aktuellen Tiefs tatsächlich eine Erkältung. Abgesehen von Corona bin ich seit drei Jahren nicht krank gewesen. Es hat mich aber insgesamt auch nicht groß gewundert. Das kennen vermutlich die meisten, dass man sich, wenn man krank ist, oft sowieso unzufrieden fühlt. Bei mir als Selbstständige kommt dann noch ein innerer Druck dazu. Mein Business macht eben keine Pause. Außerdem habe ich dann oft ein Versagensgefühl. Ich mag meinen Körper noch weniger als sonst und sowieso gefällt mir Nichtstun ja überhaupt nicht besonders gut. Alles also irgendwie doof. MK tat mir diese Woche wirklich leid.
Das hat sich so zugespitzt, dass ich seit zwei Tagen wirklich so wenig Lebensfreude empfunden habe und im Großen und Ganzen nur noch das Gefühl hatte, mich eingraben zu wollen. Ich kann das bei anderen Menschen ganz gut vertuschen oder auch für den Moment abschalten. MK bekommt das immer alles volle Kanne ab. Wir verbringen nun mal auch die meiste Zeit zusammen. Ich werte das jetzt mal als Zeichen des tiefen Vertrauens ihm gegenüber. Dennoch ist es auch echt unfair.

Wie wir wissen, wird nur sprechenden Menschen geholfen und so habe ich mich, nachdem ich mich fast zwei Tage mental damit zusätzlich fertig gemacht habe, dass ich seinen Erwartungen an mich als gute Partnerin gerade nicht gerecht werden könnte, dazu durchgerungen, ihm die Karten auf den Tisch zu legen. Und man möchte meinen, dass ich nach drei Jahren so viel über ihn weiß, dass mich sein tiefes Verständnis, sein Respekt und seine Geduld nicht mehr überraschen. Aber was soll ich sagen? Ich war erleichtert und zu Tränen gerührt, als er mir sagte, es sei alles okay und er kenne mich gut genug, um zu wissen, dass es jetzt wohl besser sei, mir meinen Freiraum zu gönnen. Zudem weiß er insgeheim, dass ich mich dann wirklich hinsetze und an mir arbeite und da meist stärker und fröhlicher wieder rauskomme. Ist also auch für ihn eine gute Sache, wenn ich mal wieder meinen „Rappel“ bekomme. Und zum Thema Erwartungen: die existieren eigentlich nur in meinem Mindset und sind nichts, womit er mir von seiner Seite Druck macht.

Ihr kennt mich, ich bin keine Freundin von Tabuthemen. Auch Depressionen gehören leider oft noch zu ebendiesen und mir fällt es selbst schwer, wirklich offen damit zu sein. Aber es selbst anzuerkennen, zu akzeptieren und als Teil von sich, um genauer zu sein als Krankheit, wahrzunehmen, ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zur Heilung. Für mich besonders deswegen, weil ich mich dann weniger selbst bekämpfe und mein inneres Kind öfter mal in den Arm nehme, meine Kritikerin ausschalte und mir Tage der Auszeit für mich erlaube und gönne.
Ich habe mit einer Podcastfolge von Stephanie Stahl zum Thema Depressionen begonnen und kam dadurch auf das o.g. aktuelle Buch von Künstler und Comedian Kurt Krömer. Das wurde mir mittlerweile häufiger empfohlen. Er beschreibt darin sehr offen seinen Weg aus dem Alkoholismus, seine Depression, den Weg zur Diagnose und dann natürlich den Weg heraus aus der Depression in ein leichteres und fröhlicheres Leben. Leichter finde ich sehr passend. Mit Depressionen erscheint einem alles so schwer, selbst Kleinigkeiten, weil man immer, in jeder wachen Sekunde damit beschäftigt ist, nachzudenken über alles Mögliche, aber vor allem über „Probleme“ und sich von Gedankenschraube zu Gedankenschraube hangelt, bis man irgendwann erschöpft einschläft. Und wenn man wach wird, beginnt alles wieder von vorn. Ihr erinnert euch, dass ich kürzlich erst sagte, dass ich mich oft müde und ausgelaugt fühle, obwohl ich aktuell wirklich verhältnismäßig wenig Stress habe. Das ist die Depression.

Ich hatte im Sommer schon mal eine echt gute Phase, wo ich neue Routinen etabliert habe und viel Achtsamkeit geübt habe. Das war super, es ging mir wirklich besser. Ich habe leider so vieles davon wieder schleifen lassen. Der Sommer war dann plötzlich wieder so chaotisch und hart und emotional, da hatte ich gefühlt keine Kraft mehr dafür. Klingt komisch, aber so ist es. Es ist leichter sich berieseln zu lassen, als aktiv zu werden und sich Gutes zu tun. Und dann sind alte Gewohnheiten plötzlich schneller wieder da, als einem lieb ist. Und dann wird es immer schlimmer. Keine Lust auf Tagebuch schreiben, keine Lust auf Meditation. Mache ich morgen, oder übermorgen und dann lasse ich es ganz weg und frage mich, wieso ich lethargisch und träge werde und mir kaum noch etwas Spaß macht, ich meine Liebsten nicht mehr sehen mag und alles einfach nur noch grau in grau ist.

Eine Depression ist nicht wie eine Erkältung, die einfach wieder weggeht, wenn man sich ein paar Tage schont. Das ist (leider) tägliche harte Arbeit und das kontinuierlich. Und ich mache wirklich viel Traumaarbeit und versuche, gut zu mir zu sein, aber es ist eben auch sehr anstrengend. Und ich freue mich über vermeintlich neutrale Phasen, aber die sind bedauerlicherweise auch jedes Mal wieder der Beginn der andauernden Melancholie. Und wenn ich da angekommen bin, wird es richtig schwer, mich aufzuraffen und aus dem Scheißloch wieder rauszukriechen.

Ob ich jemals geheilt werde? Das kann ich nicht sagen. Das kann vermutlich keiner sagen. Und bei Depression ist es wie mit anderen Krankheiten auch. Sie können wiederkommen.
Aber es geht nicht um die Zukunft, sondern immer darum, wie ich mit der jeweiligen gegenwärtigen Situation umgehe, jeden Tag auf ein Neues. Ich finde den Titel von Krömers Buch extrem gut: „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst!“. Das sagt MK so ähnlich auch immer mal wieder zu mir. Fakt ist, wir können unsere Gefühle nicht kontrollieren, aber unsere Gedanken schon. Und darum geht es. Gedanken über Gefühle machen diese oft noch schlimmer als sie eigentlich sind. Ich habe das lange nicht verstanden. Nachdenken hat mir doch immer geholfen. Aber bei Traumata ist das was anderes. Um zu überleben, muss ich lernen, dass ich in der Gegenwart in Sicherheit bin und mich nicht immer wieder von den Gedanken an die Vergangenheit in den Abgrund reißen lassen. Über Geschehenes habe ich lange genug nachgedacht. Es ändert sich nicht mehr. Aber ich kann beeinflussen, wie es mir jetzt geht und wie ich damit umgehe. Es ist ein Commitment mit mir selbst, der Wille zum Überleben. Das ist hart und erfordert Disziplin, aber es ist langfristig gesehen förderlich für die Heilung.

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht reflektieren sollte. Was man wiederum strikt vom Grübeln trennen sollte. Aber mir hilft es, zu entscheiden, ob ein Gedanke, gerade hilfreich ist. Wenn nicht, dann kann ich ihn ziehen lassen. Und darin will ich endlich richtig gut werden. Daher möchte ich meine Achtsamkeitsroutinen wieder in meinen Alltag integrieren. Und den Rest machen wir dann step bei step. Auch ein wichtiger Gedanke aus Krömers Buch: Du kannst nicht 5.000 Probleme auf einmal lösen. Aber je nachdem, wie viel Kraft du gerade hast, kannst du dir immer mal ein größeres oder ein kleineres hernehmen, es lösen, weitermachen und am nächsten Tag kommt ein anderes dran. Entschleunigung nennt sich das. Das war am Ende auch die Grundessenz von Krömers Heilung (er hat übrigens dafür acht Wochen in einer Tagesklinik verbracht). Er bezeichnet es als Ego-Trip, was ich persönlich passend finde. Denn in dem Moment geht es nur um uns selbst.

Wieso das alles hier? Ich will um Himmels Willen kein Mitleid. Das schaffe ich selbst. Ich möchte aufmerksam machen. Ich möchte denen, die unter Depressionen leiden, Mut machen, sich helfen zu lassen. Mit einem gebrochenen Arm geht ihr ja auch zum Arzt. Und ich möchte allen Angehörigen raten: Nehmt es ernst. Sprüche wie: “ Lach doch mal!“ oder „Du wieder mit deiner miesen laune!“, „Geh doch mal an die frische Luft!“ sind nicht hilfreich. Hilfreich ist Unterstützung im Alltag, Mut machen, Therapeuten/Kliniken suchen,vielleicht auch einfach nur zuhören. Wirklich heilsam ist nur eine Therapie. Aber auf dem Weg dahin gibt es viele Möglichkeiten, wie man hilreich sein kann.
Ich hätte mir vor Jahren mehr Hilfe und Unterstützung gewünscht und bin jetzt sehr dankbar für jede Person, die da ist und an mich glaubt.

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