Biketour Portugal: Setubal – Sines

Die heutige und zweite Etappe begann wieder mit einer Fährfahrt. Früh am morgen setze ich auf die gegenüberliegende Seite von Setubal über, um von dort aus weiter Richtung Süden zu fahren. Auf der Fahrt traf ich ein nettes deutsches Pärchen, die auch von Lissabon an der Algarve unterwegs waren. Die ersten 60 km vergingen dann wirklich wie im Flug. Die Strecke war unspektakulär und führte über endlos gerade Landstraßen. Aber immerhin wenig Berge und fester Untergrund. Trotz dessen, dass Leonie heute wesentlich schwerer bepackt war, kam ich wirklich schnell voran. Mittags machte ich Rast an einem herrlichen und verlassenen Strand. Von dort aus sollten es nur noch 20 km bis zum Zielort sein. Da ich noch viel Zeit hatte, beschloss ich einen Umweg zu fahren, um in einer kleinen Stadt womöglich noch ein Eis essen zu können. Irgendwie hatte mich der Ehrgeiz gepackt und ich fühlte mich energetisch genug. Ich bereute es kurze Zeit später. Die Landstraßen nervten mich schon und die Strecke hatte einige echt steile Anstiege, die mich erneut an den Rand meiner Kräfte stoßen ließen. Aber Umdrehen war keine Option. Also strampelte ich tapfer weiter bergauf. In den Ort fuhr ich am Ende aber nicht mehr. Irgendwann wollte ich doch endlich nur ankommen.

Leonie ist ein tolles Bike, sie fährt super. Der einzige Minuspunkt geht an den Sattel, der im Vergleich zu meinem wirklich hart ist. Immer wieder musste ich anhalten, weil mein Hintern brannte. Von den Regionen zwischen meinen Beinen will ich gar nicht reden. Es fühlte sich an, wie nach einer sehr wilden Orgie.

Die letzten sechs Minuten der Etappe waren gefühlt die längsten. Erschöpft aber glücklich erreichte ich mein Etappenziel Sines, ein kleines Örtchen direkt am Atlantik. Da ich im Hostel niemanden antraf, ging ich zunächst direkt ins Eiscafé daneben und bestellte mir eine riesige Portion. Es schmeckt köstlich.
Danach konnte ich im Hostel einchecken. Diesmal war ich in einem Vierbett Zimmer untergebracht, welches ich mir aber nur mit einer weiteren Frau teilte. Die Betten sahen gemütlich aus und auch so war alles sehr sauber und hübsch eingerichtet. Nach einer ausgiebigen Dusche suchte ich einen Supermarkt und wollte ein wenig den Ort erkunden. Viel gab es nicht zu sehen und auch meine kulinarische Ausbeute war eher bescheiden. Dafür legte ich mich für den Rest des Nachmittags an den kleinen Strand. Dieser war vom offenen Meer von zwei Molen abgetrennt, sodass die Wellen hier im Grunde nicht vorhanden waren. Ich genoss die Abendsonne und beobachtete später, wie die Sonne hinter einem Hügel unterging. Sonst hatte der Ort außer einer Burgruine wirklich nicht viel zu bieten. Aber ich brauchte auch kein großes Entertainment mehr an diesem Tag.

Gedanklich war ich heute überall und nirgendwo. Auf den schwierigen Strecken bin ich meist wirklich zu konzentriert, um an etwas anderes zu denken, als den nächsten Berg zu schaffen und mit meinen Kräften zu haushalten. Aber das ist auch eine schöne Art der Achtsamkeit. Ansonsten kreisten meine Gedanken um dies und jenes. Ich dachte über die letzten Wochen und all den Stress nach, der mittlerweile irgendwie sehr weit weg ist. Das ist gut und irgendwie beunruhigend zugleich. Ist es Flucht oder Auszeit? Bin ich damit fertig, oder holt es mich wieder ein? Ich bin gerade nicht sicher.
Es gibt noch eine Veränderung, in meinem Leben, die wirklich einiges anders macht. Vor genau drei Wochen habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Ich dachte ehrlich gesagt, es würde mir viel schwerer fallen. Aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall, ich bin viel gelassener und tatsächlich fehlt es mir so gut wie gar nicht, weder in Gesellschaft, noch allein. Ich schlafe sogar wesentlich besser (ein). War der Alkohol also Schuld allen Übels? Ich denke, es wäre zu leicht, wenn das die Lösung von allem wäre. Und eventuell versuche ich unterbewusst meine Stimmung auf neutralem Level zu halten, damit ich diese Art der Kompensation gar nicht in Erwägung ziehe. Ich bin mir über all das noch nicht ganz im Klaren. Aber irgendwie wollen meine Gedanken auch kaum in diese Richtung gehen. Wie sagte MK heute so schön? Man muss nicht immer Drama haben im Leben. Da hat er recht. Ich bin es so gewohnt, dass alles immer laut, aufgeregt und dramatisch ist, dass ich jetzt ein bisschen staune über meine innere Ruhe und meine optimistische Einstellung. Das fängt bei alltäglichen Dingen an. Aber auch als meine ersten Urlaubstage stressig, weil spontan anders waren, habe ich einen kühlen Kopf bewahrt. Genauso bei den schwierigen Etappen meiner Tour. Ich schaffe es immer wieder, mich selbst zu motivieren, mir zuzuzwinkern, Dinge, die nicht dramatisch sind, nicht schlimmer zu machen, als sie sind. Ich bin wirklich begeistert.

Ich bin mir wohl dessen bewusst, dass sie sogenannte pink cloud bald vorüber sein wird. Aber solange genieße ich sie einfach sehr. Ich denke, ich darf auch ml zufrieden und sorglos sein. Das Chaos, das Drama und der Stress kommen sicher bald von allein zurück. Spätestens, wenn ich wieder in Berlin bin und ich anfangen muss, meinen Umzug zu planen…

Bilanz:
Strecke: 100 km
Dauer: 4:47 h
Kalorien: 2.700
Höhenmeter: 550
Pannen: keine

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