Polyamorie – First Dates

Nachdem ich bzw. wir – also Mr. Z und ich – die ersten Tage dieser Woche mit Schmetterlingen im Bauch und rosaroten Brillen auf der Nase durch die Welt liefen, hat ein Teil von mir erkannt, dass verknallt sein eben leider 1. nicht alle Probleme löst und ich 2. nicht vergessen darf, dass MK und ich uns eben nicht so krass in dieser Verknalltheitsphase befinden und dass dieser Teil der Beziehung eigentlich gerade durch den neuen im Bunde auf eine Probe gestellt wird, oder sollte ich sagen Next Level? Am Donnerstag hatten MK und ich unser erstes Zweierdate seit Ewigkeiten, an dem es auch mal wirklich nur um uns beide gehen sollte. Ich besuchte ihn zu Hause. Als ich seine Wohnung betrat, fühlte es sich tatsächlich ein bisschen an, wie nach Hause kommen und das sagte ich ihm auch. Wir redeten lange, hatten unglaublich tollen und schmutzigen Sex und später noch leckeres Essen und Kuscheln auf der Couch. Es war schön, wieder bei ihm zu sein und irgendwie hatte ich das Gefühl, ich hatte jetzt erst nochmal so richtig ja gesagt zu unserer Beziehung. Das fühlte sich gut an. Rückblickend, wirklich einer der schönsten Tage seit Langem. Und irgendwo tief aus mir drin kam echt viel Mut und Zuversicht und eine Stimme schien zu sagen „Ja Elli, du darfst! Du bist jetzt mal dran mit Glücklichsein!“ Ich spüre bei ihm eine so große Vertrautheit und das ist ein wundervolles Gefühl.

Zugleich musste ich beim Date mit Mr. Z. feststellen, dass hier noch viel Vertrautheit fehlt. Wir kennen uns ja erst seit einem halben Jahr etwas näher. Und irgendwie hatte ich das ein bisschen ausgeblendet, dass wir uns eben gerade in einem ganz anderen Level befinden, nämlich im ersten, ganz am Anfang. Und so war das Date mit ihm bis zu einem gewissen Punkt auch super schön. Ich fuhr zu ihm, wir gingen essen und später gab es Netflix und Chill bei Wein und Bier. Ich ertappte mich aber schon die ganze Zeit dabei, dass irgendwas „fehlte“. Aus Chill wurde später auch Kuschel und daraus wurde Fummel. Und daraus wurde…. etwas Furchtbares. Da mischten sich plötzlichen Erwartungen, unglaublich großer Druck und fehlende Kommunikation und so wurde unser „zweites Mal“ nicht wesentlich besser als das erste. Ich fühlte mich dermaßen schlecht und ungesehen und fragte mich natürlich, was ich falsch gemacht hatte, bzw. wie ich meine Bedürfnisse besser hätte kommunizieren können. Nun ist Sex, wie wir wissen, in der Regel eine Sache von mindestens zwei Personen. Und er hatte insgesamt wohl noch den viel höheren Performancedruck. Zum einen, weil er eben gewisse Dinge über mich und mein Sexleben weiß, zum anderen, weil er davor auch eine recht lange Flaute hatte und sich der Druck auf sich selbst dadurch noch erhöhte. Und obwohl ich wusste, dass er das ja nicht „mit Absicht“ gemacht hatte, fühlte ich mich nicht nur extrem unwohl, sondern irgendwie auch echt ein bisschen eklig bei diesem Akt, weil da leider ein bisschen was in mir getriggert wurde. Und so war damit bei mir jegliche zärtliche Stimmung hinüber und ich wollte nur noch weg. Das war allerdings nicht die übliche Flucht-Elli, sondern eher so eine Mischung, in die auch Selbstschutz mit reinspielte.

Ihm zu erklären, dass ich jetzt würde gehen müssen, war dann auch wirklich nicht so einfach. Aber das fühlte sich gerade richtiger an, als alles andere. Ich bekam das Gefühl, dass ich mich hier mal wieder in etwas hinein navigiert hatte, was mir vorne und hinten nicht passte. Und ja, dieses Gefühl war zunächst nur ein Impuls aus der ganzen enttäuschten Stimmung heraus. Denn per se war es kein schlechter Abend gewesen. Und trotzdem machte ich mir insgeheim Sorgen, dass da plötzlich „alte Muster“ wieder auftauchten. Aus rosarot und Schmetterling wurde etwas Komisches.

Ich tat am nächsten Morgen etwas, wobei ich mir unsicher war, ob es „richtig“ sein würde. Ich sprach mit MK darüber. Nein, ich kotzte mich nicht über den missglückten Sex aus. Ich versuchte viel mehr, mich darauf zu fokussieren, was in mir gerade vorgeht und wie ich mich fühle und ein bisschen auch, warum ich mich so fühle. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin für MK wie eine Glaskugel. Er schaut in mich hinein und sieht alles. Diese Vertrautheit erlebt gerade so einen krassen Aufschwung und wir profitieren davon. Es fühlt sich wirklich an, wie zu Hause sein. Andererseits entsteht dadurch für mich gerade so eine Art innerer Disbalance zur anderen Seite, zu Mr. Z.
Und dann hat MK, etwas gesagt, was mir mit nicht mehr aus dem Kopf geht und ein Teil von mir schämt sich gerade sehr dafür: neue Beziehung als Copingstrategie. Ein Mechanismus, der hilft, bestimmte traumatische Ereignisse und damit verbundene Gefühle besser zu bewältigen. Und tatsächlich fiel mir dann ein, dass das irgendwie schon beinahe ein Muster war. Immer, wenn in den letzten Monaten, ja sogar Jahren, etwas derartig Belastendes passiert ist und ich irgendwann „keine Lust“ mehr auf den negativen Strudel hatte, habe ich mich verliebt. Und während ich das tippe, fühle ich mich wie ein ganz furchtbarer Mensch. Das ist nicht das, was man unter einer adaptiven (also problemlösungorientierten) Copingstrategie versteht. Ich bekomme Mr. Z. gegenüber ein echt schlechtes Gewissen… und einigen anderen Gegenüber auch…
Auf der anderen Seite, versuche ich, etwas Mitgefühl mir selbst gegenüber aufzubringen. Was bringt mich dazu, so etwas immer wieder als Coping zu benutzen?
Ganz offensichtlich wird mein innerer Schmerz regelmäßig so groß, dass ich mich extrem nach positiven Gefühlen sehne. Vielleicht ist verknallt sein deshalb bei mir immer sehr intensiv, weil ich genau diese intensiven positiven Gefühle so unbedingt wieder spüren möchte. Und dann gibt es zwei Struggles. Erstens möchte ich dann immer alles gleich toll und perfekt und „so wie Beziehungen sein sollen“. Zweitens betrüge ich mich damit auch ab und an mal selbst. Und so endet das Ganze meistens in einem Drama.

Ich will damit nicht sagen, dass die Gefühle für die jeweilige Person, in diesem Falle Mr. Z., nicht auch echt sind, aber sie sind auch Werkzeuge meines verletzten inneren Ichs, sich kurz etwas Trost zu sichern. Und wenn es getröstet ist, dann „brauche“ ich diese Gefühle auch nicht mehr so intensiv.
Und nun sitze ich hier und kämpfe mit mir, weil ich merke, in mir gibt es gerade eine „Ganz-oder-garnicht-Diskussion“. Und die macht mich fertig. Ich bin geplagt von Selbstzweifeln und schlechtem Gewissen. Ich fühle mich wie der schlimmste Mensch der Welt.
Auf der anderen Seite: wer sagt denn, dass hier gewonnene Erkenntnis Anlass ist, direkt wieder das Handtuch zu werfen?
Positives aus diesem emotionalen Wochenende ist, dass Mr. Z. und ich darüber sprechen konnten und wir beide feststellen mussten, dass hier vielleicht gerade alles ein bisschen schnell ging. Und so etwas kann man ja ändern und erstmal wieder einen Gang zurückschalten. Und so können wir einfach mal ganz in Ruhe schauen, was das zwischen uns beiden ist. Es ist ja alles ein Prozess und wir lernen alle dazu.
Auch positiv: MK und ich stehen nicht direkt vor einer Herausforderung, es ist tatsächlich eher wirklich Next Level. Mehr Ruhe, mehr Gelassenheit, mehr Vertrauen.
Und damit sind vielleicht nicht alle 100% happy, but you can´t make everyone happy, cause you´re not an avocado.

Was ich damit sagen möchte ist, dass jeder für seine eigenen Gefühle Verantwortung übernehmen muss. Und ein Teil davon klingt irgendwie egoistisch. Aber mir bleibt auch nicht sehr viel mehr übrig. Ich kann nur meine eigenen Gefühle fühlen und entscheiden, was bestimmte Dinge mich fühlen lassen. Und genauso ist es bei den anderen auch. Ich kann sagen, dass die anderen sich Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen, oder sich nicht so viele Gedanken machen sollen. Aber wer bin ich denn, diese Vorschriften machen zu dürfen? Am Ende versuche ich damit nur meine eigenen Gefühle zu legitimieren, oder auch mein schlechtes Gewissen zu reduzieren. Aber: meine Gefühle, meine Verantwortung. Und da gehört es auch dazu, in Kauf zu nehmen, dass ein anderer sich entscheidet, verletzt zu sein.

Und wo wir gerade bei Sprüchen sind, fällt mir noch einer ein: „Wieder allein, sind wir verliebt darin, verliebt zu sein.“ Und das ist tatsächlich ein Muster, welches sich so durchzieht. Denn tatsächlich habe ich zu vielen, in die ich mal spontan verknallt war, mittlerweile ein solides freundschaftliches Verhältnis, die vermeintliche „große Liebe“ kam aber irgendwie nicht zurück.
Nur bei MK glaube ich nach mittlerweile mehr als drei Jahren, dass es vielleicht anders sein könnte. We will see…

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