The pressure of Christmas

20 Jahre lang habe ich mehr oder weniger das gleiche Weihnachtsfest gefeiert. Früh aufstehen, ausgiebiges Frühstück. Danach wird der Baum geschmückt. Dann gibt es ein leichtes Mittagessen, anschließend einen Spaziergang. Nach der Rückkehr liegen zahlreiche Geschenke unter dem Baum. Es werden endlos viele Pfefferkuchen und Plätzchen gegessen, bis der kleine Bruder zur Bescherung drängt. Aber zuerst brauchen wir ja noch Musik. Also geht es los mit Flöten, Gitarren und Gesang. Die Geschenke müssen ja verdient werden. Jedes Jahr darf wer anderes die Geschenke verteilen. Andächtig schauen alle zu, wie jeder einzelne nacheinander die Geschenke auspackt. Alle freuen sich, es wird sich abschließend noch einmal reihum gedrückt und bedankt. Dann wird das Abendessen zubereitet. Es wird endlos geschlemmt, ja ein Nachtisch passt auch noch rein und ein Schnaps sowieso. Im Anschluss ein Spiel oder ein Film, bis irgendwann alle müde sind und ins Bett gehen.
Ein paar Dinge haben sich natürlich geändert in den 30 Jahren. Manche Familienmitglieder sind nicht mehr zum Fest erschienen, so wurde es schön intim im engen Kreise zu viert. Vermisst habe ich die anderen nicht. Auch das Essen war immer mal wieder ein anderes. Mal Fisch, mal Braten oder Truthahn. Später gemischt, weil je nach Diät oder Ernährungsform die Geschmäcker auseinander gingen. Einmal kam sogar ein Weihnachtsmann. Später gab es auch schon am Nachmittag alkoholische Getränke, wie Cocktails oder Glühwein, manchmal auch schon am Vormittag, so ein Baum schmückt sich doch mit Schwips viel besser. Später ging es für manche nach dem Weihnachtsfilm noch in die benachbarte Dorfdisco… manchmal sogar mit Happyend.
Nur an zwei Jahren war ich zu diesem immer gleichen Fest nicht zu Hause. Da war ich bei meinem Ehemann. Aber glaubt mir, gegen deren Fest war mein monotones Weihnachten die besinnlichste Angelegenheit der Welt. Nur einmal, da haben wir zu zweit gefeiert. Das war eines der schönsten Feste. Und während ich das hier schreibe, bin ich innerlich genervt von der ewig gleichen Tradition. Am ersten Weihnachtsfeiertag war es ähnlich… nur mit mehr Familie.

Ich will nicht lügen, ich habe es geliebt, wirklich. Aber das ist jetzt vorbei. Ich bekomme innerlich das kalte Kotzen, wenn ich daran denke. So vieles fühlt sich gerade falsch an, weil zu viel passiert ist in den letzten Jahren, was ich jetzt einfach nicht mehr ignorieren kann.
Jetzt ist es so weit, ich habe darauf keine Lust mehr. Und willkommen wäre ich gerade sowieso nicht. Ob ich traurig bin? Ein bisschen vielleicht. Viele würden jetzt sagen „aber es ist doch Familie!“. Na und??
Haben sie deshalb ganz besondere Rechte, mit mir umzugehen? Ach und falls jemand eine Goldwaage zur Hand hat: Ich rede nicht von allen Familienmitgliedern.

Bevor ich mich hier reinsteigere und womöglich übertreibe, oder Dinge schreibe, die zu weit gehen, will ich auf den eigentlich Punkt dieses Beitrages kommen. Ich lese und höre das aktuell nämlich immer öfter, dass immer mehr Menschen, vorzugsweise in meiner Generation, sich nicht mehr dem Druck von Weihnachten hingeben wollen. Dass sie nicht mehr brav wie Kinder nach Hause fahren zu Mutti und Vati und besinnlich unter dem Baum sitzen, so als wären sie es noch: Kinder. Die einen haben entweder selbst Kinder und damit eine eigene kleine Familie. Dann ist das wieder was anderes. Aber ganz viele haben mittlerweile ihre Wahlfamilie in Form von Freunden, die sie auf ihrem Weg getroffen haben, denen sie mehr vertrauen, oder mit denen sie mehr gemeinsam haben. Wieder andere sind irgendwie heimatlos. Also warum dann nicht einfach mal guten Gewissens mit Traditionen brechen? Guten Gewissens deshalb, weil ich glaube und gehört habe, dass viele sich nicht trauen, den geliebten Eltern zu sagen, dass sie dieses Weihnachten mal ohne die lieben Kleinen auskommen müssen. Aus Angst vor den enttäuschten Blicken. Und hinter so einer Entscheidung muss ja noch nicht mal ein Zwist stehen. So eine Entscheidung kann man einfach mal treffen, weil man erwachsen ist.

Ich fühle mich dieses Jahr heimatlos. Zuerst habe ich mich gegen mein traditionelles Weihnachten entschieden, weil ich das Gefühl bekam, es würde mich nach 30 Jahren nun mal langweilen. Letztes Jahr war ich auch schon nicht in der Heimat. Letztes Jahr war die Pandemie schuld. Aber dadurch habe ich auch Blut geleckt und bin mutig geworden. Mutig, dieses Jahr endlich mal meine eigenen Traditionen zu schaffen. Hinzu kam, dass da jetzt tatsächlich Funkstille ist in der Leitung. Was solls, ich bin doch erwachsen. Ein Teil von mir freut sich auf Weihnachten, weil es sich irgendwie nach Freiheit anfühlt. Ein anderer Teil wünscht aber auch, dass wir diese blöden, besinnlichen und glitzernden Tage dieses Jahr auch getrost überspringen könnten. Aber es ist eben nie alles Gute beisammen.

Ja, ich bin gerade etwas grinchy, weil es mir gerade nicht gut geht und weil ich eine ganz andere Art von Päckchen zu tragen habe in diesem Jahr. Und trotzdem liebe ich Weihnachten nach wie vor und ich möchte mir die Freude an dem Fest nicht nehmen lassen. Und ich rate jedem, egal ob es da nun einen Streit gibt oder man einfach nur mal ganz in Ruhe für sich sein möchte, dem Bedürfnis Nein zu sagen nachzugehen. Besonders an Weihnachten. Das soll natürlich nicht heißen, dass ich keinen Respekt vor einem ganz traditionellen Weihnachtsfest habe. Solange es ehrlich und ehrlich liebevoll ist, jeden glücklich macht, oder zumindest ziemlich glücklich, dann finde ich das super. Ich kenne nur eben viele, die es jedes Jahr wieder machen, weil es eben Tradition ist und denen das ewige Gegesse, Geschenke, Gespiele und Geheuchle auf den Keks geht, das aber niemals laut sagen würden, weil Tradition und so…
Ich bin nicht gläubig. Für mich war und ist Weihnachten immer das Fest der Liebe und der Familie. Liebe kann ganz unterschiedlich aussehen. Und nur, weil ich mal woanders bin, ist die Liebe nicht kleiner. Andererseits, nur weil man blutsverwandt ist, muss man sich noch lange nicht auf immer und ewig lieben. Familie kann man sich aussuchen. Das ist Freiheit.

13 Gedanken zu “The pressure of Christmas

  1. Sehr wahr. Für mich wird es dieses Jahr auch ganz anders und ich habe beschlossen mich nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich bin Verpflichtungen leid. Besonders ‚fremden‘ Familien gegenüber. Meine Mutter reicht mir schon und das habe ich endlich auch mal sehr klar gemacht.
    Ich freue mich auf einige entspannte Tage allein, mit gelegentlichen Besuchen bei Freunden. Das wird insgesamt anders, ruhiger, aber womöglich auch bekömmlicher.
    Überhaupt steht mir so gar nicht mehr der Sinn nach Verpflichtungen. Eine und nicht die schlechteste, Corona-Nebenwirkung.
    Hab ein schönes selbstbestimmtes Fest!

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  2. zum ersten Mal vermisste ich dieses „traditionelle“ Weihnachten, als ich 2 Jahre auf der Straße lebte und in den Wintern von draußen in die warmen, bunt geschmückten Zimmern geschaut habe. Gesehen habe, wie Familien Richtung Kirche marschiert sind. Später und auch davor habe ich über Weihnachtsrituale einen riesengroßen Bogen gemacht. Da ich immer ein gespanntes Verhältnis zu Eltern und Geschwistern hatte, viel mir dies auch nicht sonderlich schwer und ich fühlte mich wohl in der Rolle des „Rebells“. Seitdem mein Sohn mein Leben bereichert hat, sind mir plötzlich bestimmte Rituale wieder wichtig. Ich bin gespannt, ob und wann es wieder in die andere Richtung geht.

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