Back to Reality

Hallo Realität da bin ich wieder. Habe die rosarote Brille abgenommen. Schaut sich so viel klarer.
Es ist schon verrückt, wozu Emotionen imstande sind, wie sie uns beeinflussen. Ich war so geflasht. Ich fühlte mich so gerettet. Eine gehörige Portion Zuneigung, ein bedürftiger Moment und eine große Prise Oxytocin und – zack – war es um mich geschehen. Voll verknallt und so… Dachte ich zumindest.
Jetzt bin ich irgendwie froh, dass wir frühzeitig festgestellt haben, dass es doch nicht die große romantische Liebe ist. Ich bin sogar ziemlich erleichtert. Und zugleich bin ich auch echt niedergeschlagen und traurig und fühle mich seltsam einsam und doch irgendwie ganz gut. Hä? Kann man so viele Dinge auf einmal fühlen? Was ist da los?

Ich war lange Zeit ein bindungsphobischer Mensch, auch schon vor meiner Ehe. Was mehr damit zusammenhängt, dass die Menschen, die mich im Leben am meisten beschützen sollten und für mich da sein sollten, mich alle entweder missbraucht, sehr verletzt oder schlicht im Stich gelassen haben. Heißt, diese Bindungsangst ging eher mit der Verlustangst einher. Ich wusste, dass jeder Mensch, der mir sehr nahe steht, mich irgendwann, irgendwie extrem verletzt und ich am Ende allein bin. Das ist der Grund, wieso ich in den letzten Jahren zwar immer mal verknallt war, aber nie ernsthaft und zu 100 % eine Beziehung eingehen wollte oder konnte. In den letzten Monaten wurde das Bedürfnis danach wieder stärker. Das wiederum liegt daran, dass ich langsam verstehe, was bei mir schiefgelaufen ist und woher all diese Issues kommen und dass ich angefangen habe, mich von diesen toxischen Menschen zu trennen. Und doch merke ich gerade wieder diese Erleichterung darüber, dass ich doch wieder allein bin. Klar bin ich traurig, dass es nicht geklappt hat, aber irgendwie fühle ich mich leichter jetzt. Als könnte ich wieder durchatmen und müsste mich nicht mehr so sehr anstrengen. Und da haben wir es wieder. Genau so sollte es doch nicht sein. Ich sollte mich nicht anstrengen müssen, damit ein Mensch mich liebt. Ich sollte frei und entspannt so sein können, wie ich eben nun mal bin. Versteht mich nicht falsch. Diese Beziehung ist bzw. wäre weit entfernt von dem toxischen Ausmaß gewesen, wie all meine anderen. Und dennoch habe ich wieder so einen Druck gespürt. Ich muss mir dieses Gefühl dringend merken.
Auch das ist eine Konditionierung, die ich über die Jahre hinweg so eingeübt habe und von der ich mich nur langsam trenne. Immer war ich extrem bemüht, die Anerkennung der Menschen zu erlangen, von denen ich dachte, sie wären so wichtig und unverzichtbar für mich. Weil ich dachte, dass ich sonst nicht genug wäre. Nach etwas zu streben, was man nie erreicht, weil es komplett irrational ist, kann extrem erschöpfend sein. Daher komme ich immer wieder an den Punkt, zu sagen, ich habe keinen Bock auf Beziehung und Liebe und den ganzen sch***. Gefühlt kann das jeder, nur ich nicht. Aber genug des Selbstmitleides.

Jetzt, bei meiner neuen Bekanntschaft, war es wieder ähnlich. Ich wollte mit aller Macht geliebt werden. Und dabei musste ich auch wieder feststellen, dass es einfach nicht reichte, dass ich nicht reichte. ABER, hier muss man differenzieren. Wir kennen uns ja nun wirklich noch nicht lange. Und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass es vorkommen kann, dass es da zwischen zwei Menschen für das MEHR eben nun mal nicht reicht. Und das ist vollkommen okay. Nur werfen Herz und Kopf und Bauch diese Dinge nur allzu gern durcheinander. Und das ist der Grund, wieso ich mich jetzt so fühle. So einsam und so ungenügend. Dabei sind das nur alte Trigger. Diesmal hatte es gar nicht so viel damit zu tun. Ich werde nämlich von diesem Menschen tatsächlich wertgeschätzt. Und ich finde es auch sehr wertschätzend, dass er eben nicht aus dem Gefühl irgendeiner Verpflichtung mit mir zusammen kommt. Denn genau das wäre toxisch.

Ich staune immer wieder, da ich jetzt endlich nach so vielen Jahren so viele Dinge zu verstehen beginne. Wieso meine Beziehungen so gelaufen sind, wieso ich mich immer wieder so einsam fühle. Aber jetzt beginnen die Dinge sich zu verändern. Ja, dieser neue Mensch kam in meinem Leben, als ich einen ganz besonders bedürftigen Moment hatte. Und in dem Moment konnte ich diese besondere Begegnung genießen und mich vollkommen in ihr fallen lassen. Und nein, ich bereue das nicht, weil sie mein Leiden ein wenig erträglicher gemacht hat, weil ich zwischendurch immer wieder leben und lachen durfte. Und das wird so schnell auch nicht aufhören. Wir haben nicht „Schluss“ gemacht oder sowas, wir haben einfach nur die Fronten geklärt. Nach wie vor sind wir der Meinung, dass wir eine besondere Verbindung haben, von der wir auch beide profitieren können. Und was diese Beziehung angeht, ist das genau mein Punkt. Jetzt, da ich nicht mehr so angestrengt um Anerkennung bettle, kann ich mich darauf fokussieren, was wir beide wirklich füreinander sein können.

Ja, es gibt viele Dinge, die ich in den letzten Wochen festgestellt habe, die zwischen uns super und entspannt laufen, vor allem diese unverkrampfte Offenheit, die ich so kaum mit einem Menschen erlebt habe. Es macht so Vieles locker und entspannt. Aber ich wäre naiv, würde ich nicht die Dinge sehen, die nicht passen, wo wir einfach, was unsere jeweilige Entwicklung angeht, an ganz unterschiedlichen Punkten stehen. Und das meine ich keinesfalls wertend.

Ich bin dankbar für diesen Menschen. Aber noch viel dankbarer bin ich für mich und meinen Mut und die Fähigkeit der Selbstfürsorge. Meine Antennen sind so sensibel geworden. Ich stürze mich nicht mehr blindlinks in Beziehungen, die zum Scheitern verurteilt sind. Ich achte auf mich. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich, dass ich auf meinem Weg der Heilung noch etliche Meilen zu laufen habe. Und die muss ich allein gehen. Und vielleicht treffe ich ja dann irgendwo hinter einer Kurve meinen Traummenschen. Diese Hoffnung gebe ich zumindest nicht auf.

6 Gedanken zu “Back to Reality

  1. Ich verstehe dich. Es ist so schwer seine alten Mustern/ Glaubenssätze loszulassen. Du hast es erkannt, du bist schon ein riesigen Schritt weiter. Bei sich bleiben, finde ich auch so schwer und sich bewusst machen was möchte ICH wirklich, was macht MICH glücklich. Es ist ein steiniger Weg. Aber wir Leben in der Klarheit und Wahrheit mit uns und denjenigen um uns. Du kannst sehr stolz auf dich sein.

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