Biketour 2021 Part VII

Es ist Wahnsinn. Heute habe ich es tatsächlich geschafft, ich habe heute endlich mein Endziel Kopenhagen erreicht. Gerade weiß ich noch gar nicht wie mir ist. Auf dem Weg kamen mir mehrfach die Tränen. Heute war mir auch gar nicht nach ewig langem Verweilen unterwegs, nach Fotos machen oder sonst was. Zumal die letzten 30km tatsächlich schon sehr vorstädtisch und weit weniger idyllisch waren. Heute war der Wind auf definitiv auf meiner Seite, sodass die letztens insgesamt 80km echt locker flockig vonstattengingen.

Dazu hier noch einen kleinen Exkurs zu dem alten Dänen, den ich vor zwei Tagen getroffen hatte. Wir haben nämlich auch über Gegen- und Rückenwind gesprochen. Er erzählte, es gäbe in DK einen Politiker (oder gab), der den Leuten versprochen hatte, wenn sie ihn wählen, hat jeder immer Rückenwind. Totaler Quatsch, das ist klar. Aber er wurde gewählt. Ich muss ja sagen, diese Windsache hat für mich immer auch etwas Metaphorisches. Daher musste ich noch öfter daran denken. Gestern hatte ich so viel Gegenwind, das hat mich trotzdem nicht aufgehalten. Heute hatte ich Rückenwind und war sehr dankbar, da der mich zu Höchstleistungen angespornt hat. Heute bin ich tatsächlich dann auch die schnellsten Kilometer gefahren, obwohl es mir darauf definitiv nicht ankam bei der ganzen Tour. Trotzdem schön.
Außerdem erzählte ich ihm, dass ich in meinem ersten B&B nachts wach wurde und noch einmal rausging und dort so begeistert war von dem unglaublichen Sternenhimmel. So viele Sterne bekommst du in Berlin nie zu sehen, dafür ist es viel zu hell. Auf dem Land in Dänemark hingegen schon. Am Morgen fragte er mich, ob ich wieder die Sterne gesehen hätte. Ich bejahte. Ich wache ja immer pünktlich um 3:30 Uhr auf. Er meinte, er hatte an mich denken müssen, als es dunkel wurde, da ich es erwähnte. Das fand ich irgendwie total schön.

In meinem B&B gab es heute auch wieder leckeres Frühstück und als wenn das alles nicht genug gewesen wäre, zahlte ich am Ende sogar 10 Euro weniger. Ich bedankte mich überschwänglich und fuhr gut gelaunt los. Ich überlege ernsthaft, da im Winter noch einmal hinzukommen.

Tatsächlich widmete ich mich auf der Fahrt gedanklich noch einmal dem letzten Punkt auf meiner Reise-Bucketlist. Ich fasste den Brief, den ich an meinem Ex-Chef schreiben möchte, schon mal in Worte. Heißt, ich redete wieder mal mit mir selbst. Ich war froh, dass ich die leeren Straßen dafür noch nutzen konnte. Und einmal alles ausgesprochen, fühlte es sich auch gar nicht mehr so dramatisch und idiotisch an, wie ich bisher gedacht hatte. Dieser Brief wird kein Drama auslösendes Schriftstück, er wird keine schlimmen oder gravierenden Konsequenzen mit sich bringen. Er wird einfach nur sehr nett und sehr liebevoll, ehrlich und dankbar sein. Denn das ist wirklich das, was ich am meisten empfinde, wenn ich an die knappen sechs Jahre denke, für die ich Danke sagen möchte.
Ich bin erleichtert, denn so habe ich wirklich an allem gearbeitet, was mir wichtig war auf dieser Reise. Ich bin nicht nur erleichtert, ich bin wirklich stolz. Diese knappen 600km haben mich insgesamt so viel weiter gebracht. Und das Wichtigste: sie haben mich voll runtergebracht. Ich habe gemerkt, wie ich mich echt mit jedem Tag mehr entspannt habe. Als ich losfuhr, war ich teilweise noch so aggressiv wegen Wind, Regen oder Bergen. Im Laufe der Tour nahm ich das gar nicht mehr so ernst. Ich würde ankommen, egal was passiert. Und ja, natürlich weiß ich, dass auch Dinge hätten passieren können, die mich zum Abbrechen hätten zwingen können. Vielleicht eine größere Panne, ein Unfall oder anderes körperliches Leiden. Das ist aber alles nicht passiert. Neben dem einen platten Reifen hat sich heute leider ein Haken einer meiner Gepäcktaschen verabschiedet. Das ist an sich ziemlich ärgerlich, da die Taschen neu waren und diese Haken eigentlich nicht einfach so abbrechen sollten. Das war etwas tricky, die Tasche wieder zu befestigen, aber es war jetzt auch nicht mega schlimm. Dennoch war ich froh, dass es auf den letzten Kilometern passierte. Und nun hoffe, ich kann die Taschen später in Berlin wieder umtauschen. Denn das sollte wie gesagt echt nicht so einfach passieren. Aber insofern bin ich ja wirklich ohne größere Zwishenfälle durchgekommen. Da kann ich schon wieder dankbar sein.

Da ich heute dann ja doch recht schnell unterwegs war und mein Navi mir ankündigte, dass ich bereits um 14.00 Uhr in Kopenhagen sein würde, fuhr ich zuerst direkt zur kleinen Meerjungfrau, einem der Wahrzeichen der Stadt, vor dem ich mittlerweile auch schon diverse Male gestanden habe. Ich hatte total Lust, meine Tour dort zu beenden, statt an meinem Hotel. Die Entscheidung war eine gute. Mein Hotel ist jetzt nicht in der super schönen Gegend in der Nähe vom Bahnhof zwischen allen möglichen anderen Hotels.

Als ich die kleine Meerjungfrau fast erreicht hatte, bekam ich einen richtigen Kloß im Hals. Wie unreal war das denn bitte. Bin ich gerade wirklich von Berlin nach Kopenhagen gefahren? Wieder kamen mir die Tränen. Ich war überwältigt, glücklich, sehr stolz und unfassbar dankbar. So richtig glauben kann ich es noch immer nicht. Morgen keine Taschen packen und weiter fahren? Jetzt ist erstmal ein bisschen Rest angesagt. Und natürlich möchte ich die Stadt auch noch auf eigene Faust erkunden, bevor es am Freitagmittag mit dem Zug zurück nach Berlin geht.
Ein bisschen fehlte mir irgendwie das herzliche Hallo, welches mich in den B&Bs am Abend immer erwartete. Ich war mit meinen Emotionen und allem irgendwie so allein heute, bin es noch. Irgendwie hätte ich gern ein paar Trompeten und etwas Jubel gehabt bei der Zieleinfahrt. Nein, das ist natürlich Quatsch. Ich kann mir das selbst ganz wunderbar geben. Und ich denke, in Gedanken sind viele Menschen bei mir und jubeln.

Mein Hotel hier ist schick und schlicht, das Zimmer sehr klein, aber es reicht. Ich will dort ja nicht die Tage verbringen und ich denke, man erreicht von da aus alle Sehenswürdigkeiten ganz entsannt zu Fuß. Auch wenn die Radwege hier wirklich toll ausgebaut sind, werde ich das Bike der nächsten Tage erstmal stehen lassen. Und in Berlin bekommt es dann erstmal ein komplettes Make-over.

Gerade sitze ich in einer fancy Bar am Wasser trinke einen überteuerten Sloe Spritz und lasse wie immer den Tag Revue passieren. Ich denke, in den nächsten Tagen werde ich hier auch nochmal sämtliche Fakten zu den Etappen, also Kilometer, Wege, Unterkünfte zusammen fassen. In der Hoffnung, dass das irgendwen interessiert. Aber hauptsächlich auch als Dokumentation für mich selbst. Ansonsten werde ich lecker essen, trinken und mal schauen, was Kopenhagen so für mich zu bieten hat. Das Wetter soll auch super werden. Passt!

10 Gedanken zu “Biketour 2021 Part VII

  1. Als ich deinen Beitrag las, dachte ich sofort an dieses Lied:

    DU ALLEIN HAST DIE KRAFT TIEF IN DIR UND DU KANNST ERREICHEN, WAS IMMER DU WILLST. Du bist der Starlight Express. Ja, du kannst stolz auf die sein. Nicht nur, dass du dein Ziel erreicht hast, sondern auch, dass dich diese Reise geerdet hat.

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