Biketour 2021 Part V

Der heutige fünfte Tag meiner Tour startete mit einem extrem leckeren Frühstück. Die Haushälterin meines B&B hatte extra für mich veganes Porridge gemacht, dazu gab es frische selbst gebackenes Sauerteigbrot, Aufstriche, Gemüse und Obst. Wahnsinn, das alles extra für mich. Das war der perfekte Start in den Tag und hielt mich tatsächlich auch richtig lange satt. Kurz vor neun fuhr ich gut gelaunt und sehr gespannt auf den Tag los. Es ist Samstag, das hatte ich total vergessen. Aber auch so wären mir auf meinem Weg wohl kaum Leute begegnet. Die Strecke führte bald am Meer entlang durch den Wald, was mich zunächst vor dem Wind schützte. Das Schöne an den Radwegen in Dänemark ist, dass sie erstens im Gegensatz zu Deutschland wirklich gut ausgewiesen sind und zweitens man immer entscheiden kann, ob man abkürzen oder eine Extra-Runde fahren will. Ich entschied mich heute konsequent für Extra-Runden und habe es (fast) nicht bereut. Bis zum Mittag konnte sich die Sonne nicht recht entscheiden, ob sie nun durch die Wolken brechen will, oder nicht.
Gegen 11.00 Uhr erreichte ich in Stubbekøbing die kleine Fähre, die mich nach Bogø brachte, von wo aus ich weiter auf die Halbinsel Møn fuhr. Dort war die Sonne voll auf meiner Seite, leider auch der Wind. Beziehungsweise war es der Wind nicht, der kam mir nämlich voll entgegen. Zudem ging es ständig nur auf uns ab. Ich war irgendwann irgendwie gelangweilt. Die Gelegenheit für eine größere Pause hatte sich nicht ergeben und der ständige Wind nervte mich vor allem deshalb, weil ich dieses ewige Rauschen in den Ohren langsam nicht mehr ertragen konnte. Und natürlich laugt das Fahren bei Wind noch mehr aus. Man muss ja auch bedenken, dass ich ca. 20 kg Gepäck mit mir herumschleppe.
Ich fuhr also mit nur kleinen Pausen weiter bis kurz vor mein Tagesziel und machte dann in Stege ausführlich Pause, Dort gab es ein alkoholfreies Bier und danach machte ich mich auf die Suche nach einem guten Softeis. Das Mønis wurde überall angepriesen. Meine Suche führte mich in einen kleinen Hinterhof. Stege fand ich bis zu dem Zeitpunkt eher langweilig und auch spießig. In dem Hinterhof saßen ein Mann und eine Frau vor einem Tattoostudio. Als ich mein Fahrrad an die Hauswand lehnen wollte, kam sie auf mich zu. Sie war ein lauter südländischer Typ. Sie fand meinen Style totale toll und war direkt sehr überschwänglich. Um ehrlich zu sein, war sie eine Person, mit der ich nicht gern den Abend verbringen wollte. Sie stand total auf mein Regenbogen Trikot, was ich vom Fußball-Event hatte und wollte unbedingt ein Foto für Facebook. Ich war da recht leidenschaftslos und ließ sie machen. Wir redeten natürlich noch über Berlin und wie geil es da ist. Sie war noch nie, ihr Freund schon. Als ich gehen wollte entschuldigte er sich so ein bisschen für sie. Ich hatte definitiv seinen Respekt dafür, dass ich am Montag in Berlin losgefahren war. Aber ich wollte ja eigentlich Eis. Der Laden, in den ich wollte, hatte leider geschlossen. Aber er gab mir noch einen Tipp, wo ich Mønis bekommen könnten und wir verabschiedeten uns. Und tatsächlich saß ich fünf Minuten später mit meinem Softeis in der Sonne und war glücklich. Natürlich stehe ich darauf, mir im Urlaub auch mal was zu gönnen. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich damit schwertue. Aber bei 80km auf dem Bike, kann ich mir das Eis echt ohne schlechtes Gewissen schmecken lassen.

Ich machte noch einen kurzen Stopp am Supermarkt, diesmal Aldi und nicht Netto, so wie die ganzen letzten Tage und fuhr dann die restlichen 7km zu meinem B&B. Meine Erwartungen waren nicht besonders hoch. Das lag aber daran, dass das erste B&B in Dänemark einfach schon alles übertroffen hatte. Ich wurde sehr herzlich und komplett ohne bla bla begrüßt. In Deutschland bekommt man am Anfang immer eine Million Infos, ohne, dass der Gegenüber weiß, ob man die überhaupt haben will. Ich finde diese sehr nette aber pragmatische Art der Dänen wirklich sympathisch.
Mein Zimmer im ersten Stock war hell und extrem warm. Das Erste, was ich nach dem Einchecken mache, ist immer, mich nackt ausziehen, alle Taschen auspacken und entspannt duschen. So auch heute. Und nun sitze ich mit einem eiskalten Bier im Garten auf einer kleinen Terrasse in der Sonne und tippe mal wieder den täglichen Reisebericht.

Meine Stimmung am heutigen Tag würde ich als neutral bezeichnen. Ich bin heute Morgen auf jeden Fall noch gut auf der euphorischen Glückswelle los gesurft. Allerdings bin ich im Laufe des Tages wieder etwas runtergekommen und war zwischenzeitlich fast apathisch. Aber das ist okay. Ich fühle mich nach wie vor gut und bin eigentlich auch froh, dass ich nicht mehr ganz so übersprudle vor Glück. Das kann auch ziemlich anstrengend sein. Und wie ich weiß, ist es meist besser, mit Endorphinen gut zu haushalten. Zu wenig ist nicht gut, zu viel kann auch schwierig sein. Und generell kann ich mich echt nicht jeden Tag einem schweren Thema widmen. Irgendwann will der Geist auch mal entsannen. Insofern bin ich heute meist Gedankenlos und still vor mich hingefahren und habe mich über den Wind geärgert. Das heißt, nein ich habe mich nicht über den Wind geärgert. Ich mag diese Herausforderungen, die mich immer wieder nah an meine Grenzen bringen. Nur aus dem Grund mache ich das ja, hauptsächlich. Ich dachte mir heute, dass ich wohl so eine Tour nie zweimal machen würde. Denn jetzt wo ich sie kenne, würde ich manche Strecken so nicht mehr fahren wollen. Das hält mich gerade tatsächlich motiviert. Hinter jeder ecke eine neue Überraschung, alles ist spannend und neu. Beim zweiten Mal hätte es diesen Reiz wohl nicht mehr.

Ansonsten ist mir beim Fahren durch die kleinen dänischen Dörfer aufgefallen, wie schön die kleinen Häuser sind. Und vor allem sind sie nicht wie in Deutschland mit Zäunen und Mauern abgeschottet. Hier ist alles offen, ein paar Büsche und Sträucher markieren das Grundstück und das wars. Gestern im B&B waren auch die ganze Zeit alles Türen unverschlossen. Und trotzdem fühle ich mich sicher. Es hat etwas Unausgesprochenes, Respektvolles. Ich kann auch ganz ohne schlechtes Gewissen mein Bike samt Gepäck irgendwo abstellen und muss mir keine Sorgen machen, dass es später nicht mehr da ist.
In Deutschland bzw. besonders in Berlin muss man alles gefühlt dreimal an- und abschließen. Das hat mich auch wieder darauf gebracht, dass ich generell von Deutschland sehr genervt bin. Aber das ist ja immer so mein persönliches Phänomen, wenn ich im Ausland unterwegs bin, dann bekomme ich wieder extrem Lust auf Auswandern oder einfach lange weg sein. Na mal schauen, wann mich das Fernweh nochmal packt. Aktuell reifen langsam, ganz langsam Pläne, dieses Jahr noch einmal nach Dänemark zu kommen, vielleicht um Weihnachten rum, dann aber nicht allein Aber mal schauen, wie diese Pläne Gestalt annehmen werden.


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