Errungenschaften

Wir reden ja oft und viel und gerne darüber, was uns alles fehlt in dieser Pandemie-Zeit und was wir entbehren müssen, worauf wir uns am meisten freuen, wenn es endlich Lockerungen geben sollte.

Ich habe in der letzten Zeit öfter darüber nachgedacht, was mir diese außergewöhnliche Situation alles gegeben hat. Und auch das finde ich nicht unerheblich. Und da gibt es durchaus Dinge, bei denen ich Angst habe. Dass ich sie wieder verliere, wenn sich unsere Welt wieder verändern wird.

Ich habe beispielsweise eine ganz andere Art von Achtsamkeit für viele Dinge entwickelt. Ich achte mehr auf meinen Körper, auf meine Umwelt und mein Wohlbefinden. In diesem Zuge habe ich auch endlich ein intensives und ehrgeiziges Sportprogramm, welches mich tagtäglich zu neuen Erfolgen anspornt und nach einem Jahr sehe ich auch deutliche Veränderungen an meinem Körper, die mich glücklich machen. Zufrieden machen sie mich leider nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Ich habe endlich Zeit und Kraft gefunden, mich mit tief liegenden Wunden zu befassen. Endlich beginne ich, zu verstehen. Und mit jeder neuen Erkenntnis habe ich das Gefühl, in meinem Leben fügt sich gerade alles. Es ist eine aufregende und anstrengende Zeit. Aber ich merke, wie ich gerade jetzt oft froh bin, wenig soziale Verpflichtungen zu haben, weil ich meine ganze Kraft für diesen Prozess brauche. Ich habe kaum noch Möglichkeiten, mich abzulenken. Und ich denke, das wäre ohne die Pandemie und dieses eingeschränkte, ja langweilige Leben nicht passiert. Oder zumindest nicht jetzt und so intensiv. Und damit habe ich auch mehr gelernt, allein zu sein mit mir, Dinge auszuhalten, Gefühle zu fühlen. Das klappt nicht immer, aber immer öfter.

Und dann ist natürlich noch MK. Natürlich war da vorher schon Anziehung. Aber so eine intensive zweisame Zeit hat auch nur die Pandemie uns ermöglicht. Und mittlerweile habe ich sogar die leise Hoffnung, dass die Beziehung diesmal den Lockdown überleben könnte.

Ich habe mir zusätzlich zu meinen eigenen kleinen Lockdown Errungenschaften erlaubt, alle möglichen Kontakte anzuschreiben und damit eine kleine Umfrage gestartet und gefragt, was ihnen der Lockdown Positives gebracht hat. Ich glaube, viele fanden es selbst gut, mal zu reflektieren, was denn auch gut gewesen sein könnte. Jedenfalls war ich über die sehr meisten Antworten wirklich erstaunt. Lediglich eine Person, hat geantwortet, dass es keine positiven Seiten am Lockdown für sie gibt.

Hier nun also eine gemischte und kommentierte Zusammenstellung aller Antworten, die mich erreicht haben.

Viele haben sich über Freundschaften und Familie geäußert. Dadurch, dass man sich weniger sehen kann, weiß man die wenigen Kontakte auch mehr zu schätzen. Und vor allem, merkt man, welche Kontakte so eine Zeit der eingeschränkten Kommunikation und Interaktion überstehen. Bei mir haben sich erfreulicherweise auch einige Kontakte intensiviert. Andere sind leider eingeschlafen. Beim Thema Familie ist es ähnlich. Aber da merke ich eben auch, welcher Kontakte vom Sehen leben. Auch das ist eine Erkenntnis.

Ein weiteres Thema, welches viele meine Freunde beschäftigt, ist mehr Rücksicht auf andere und vor allem Toleranz. Das merkt man finde ich besonders bei der unterschiedlichen Auslegung der aktuellen Regeln. Ich mache niemandem Vorschriften und kehre mittlerweile nur noch vor meiner eigenen Tür. Ich finde aber, man sollte offen reden und eben andere Meinungen auch tolerieren. Und wenn ich merke, meine Freunde sind mir zu umtriebig, dann ist die Konsequenz eben, dass ich mich distanziere. Das muss dann jede Seite so hinnehmen,

Auch unser Konsumverhalten hat sich verändert. Ich persönlich konsumiere wesentlich bewusster, seit ich kaum noch einkaufen bzw. shoppen gehe. Zum einen bin ich weniger Impulskäufen ausgesetzt, damit weniger „Müllkäufen“ von Fast-Fashion etc. Ja, ich bestelle dafür mehr, aber eben auch bewusster und hochwertiger.

Bewusstheit ist auch beim nächsten Punkt das Stichwort: Die kleinen Dinge mehr zu schätzen wissen. Wenn ich jetzt an Normalität denke, muss es nicht gleich die legendäre Party sein. Mir würde ein Restaurantbesuch schon reichen oder ein kleines Konzert. Auch so sind wir genügsamer geworden. Ein sonniger Tag im Park ist schon so viel wert nach diesem furchtbaren Winter.

Ansonsten sind da noch die Umweltaspekte. Weniger Menschen fahren zur Arbeit, es wird weniger geflogen. Vermutlich konnte die Erde auch mal ein bisschen aufatmen. Dazu – zumindest bei mir – die bewusste Beschäftigung mit Ressourcen, Plastik einsparen, Nachhaltigkeit etc.

Außerdem schafft man sich eine Art neue Sozialisation. Man verbringt bspw. mehr Zeit mit bestimmten Menschen, wie Mitbewohnern oder bestimmten Freunden. Und so hat sich – nicht nur bei mir – eine Art neue Familie gefunden, mit der man jetzt eben den Alltag teilt, weil man sich nur noch mit einem ausgewählten und immergleichen Kreis an Personen trifft. Zumindest handhabe ich das so und viele meiner Freunde auch. Und das ist eigentlich eine tolle Art das Beste aus der Situation zu machen. Hinzu kommen neue Beschäftigungen wie online Spiele, neue Hobbys, Kreativität…. Und eben auch der intensivere Kontakt zu Menschen, die weiter weg sind. Und auch wenn das nur online ist, irgendwie hat es ein bisschen die Hürde der Distanz verkleinert.

Und nun will ich ein paar Antworten noch zitieren:

„Im ersten Lockdown war die Zeit hier zu Hause mit Kinderbetreuung und gleichzeitig Arbeiten sehr anstrengend, aber man hatte dadurch unheimlich viel Zeit mit seinem Kind. Die Entwicklung, die in der Zeit stattgefunden hat, hat man dadurch noch mal viel intensiver erlebt. So eine Art zweite Elternzeit, eigentlich eine gute Sache. Wenn die Arbeit nicht gewesen wäre.“

Dieses Statement finde ich wirklich wunderbar. Über so etwas denke ich als KInderlose ja nicht nach. Aber schön, zu wissen, dass Homeoffice mit Kind nicht nur Stress und Ärger bedeutet.

„Homeoffice ist schon mal richtig nice. Macht vieles einfacher, auch wenn es ein paar Sachen schwieriger macht. Man spart Zeit.“

Das kann ich voll so unterschreiben. Ich habe auch die positiven Seiten am Homeoffice zu schätzen gelernt. Dass man nicht raus musste, fand ich im Winter echt nicht schlimm. Ich mag weder Schnee noch Kälte, daher kam mir dieses „alles zu Hause machen“ eigentlich ganz gelegen. Auch, wenn ich sonst eher der Mensch bin, der sehr gerne rausgeht.


„Außerdem natürlich: Beziehung mit dir, wenn man das dazuzählen kann. Ist während der Pandemie passiert, aber nicht wegen der Pandemie, deshalb wollte ich das nicht als Erstes zählen“

Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen. Habe ja oben schon meinen Teil dazu geschrieben.

„Mehr Zeit für mich selbst, mehr Achtsamkeit, wirklich mal gezwungen sein, mit sich selbst klarzukommen“

Hm…. Die Zeit um sich selbst zu kümmern. In unserem sonst so hektischen Alltag unterdrückt man vieles. Also glaube ich schon, dass man so ein gewisses Maß an Innehalten beibehalten sollte.

Wertsteigerung echter Freundschaft, bewusstes Genießen von Gesundheit und Natur, Lernen sich selbst gut und genug zu sein, Rückhalt und Zusammenhalt in der Familie zu erleben – wieder wissen, was wirklich zählt…

„Wieder lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, Ehrenamt, Klima und Umwelt, mehr Reflexion über Dinge über die man vorher nicht so viel nachgedacht hat.
Modellflieger bauen – Kindheitserinnerungen

„Eigentlich nix. Außer dass man die kleinen Dinge viel bewusster wahrnimmt und nicht im Alltagsrausch vorbeigeht. „

As I already said. Da ist sooo schön!

Gesellschaftlich anerkanntes Daydrinking 😂

Auf jeden Mann!

Bikelines
Wertschätzung gegenüber den Sachen die man nun so sehr vermisst: z.B. gemütlicher Abend in der Bar
.“

Bikelines sind für Berlin ein wichtiges Stichwort. Endlich wurden Radfahrer etwas mehr unterstützt und viel Radwege ausgebaut. Und das mit der Bar… klar, bin dabei.

„Ich konnte meine Dissertation in einem Jahr fertigstellen. 😅 Ansonsten bin ich latent froh darüber, nicht mehr jedem Menschen, weil es die Konvention so verlangt, die Hände schütteln oder sie gar umarmen zu müssen.

War mir bisher nicht so bewusst, aber mittlerweile finde ich es auch komisch, dass man früher jedem die Hand geschüttelt hat. Erst war es merkwürdig, nicht zu wissen, was man zur Begrüßung tut. Mittlerweile ist mir das so auch lieber. Aber Umarmungen bei echten Freunden fehlen mir sehr dolle.

Ich hab gemerkt, dass ich alle wichtigen Sachen in meinem Leben vorher auch schon hatte und mir das recht egal ist 🤷‍♂️. Solang ich Motorräder habe ist alles gut.“

Auch so eine Erkenntnis finde ich richtig klasse. Sich einfach mal freuen. Über alles, was man sowieso hat.

Zählt meine Hängematte im Zimmer auch? Ja halt da sind noch mit den Kumpels zocken und Schwachsinn labern über discord.“

Klar zählt deine Hängematte. Ich meine wie viele Leute haben sich bitte komplett neu eingerichtet. Ich nehme mich da nicht aus. Es war einfach mal an der Zeit, die kleine Oase noch gemütlicher zu machen.

„Jobwechsel und Wohnung in Berlin 😝mehr Geld, mehr Frauen, mehr Zeit für mich 😝ja also das war wirklich das Positive für mich…von daher eigentlich nur Luxusprobleme bei mir und wäre vielleicht auch ohne C. was passiert nur ggf. anders ☺️

Tja, manchmal braucht man den entsprechenden Arschtrott für eine Veränderung. Das kenne ich auch nur zu gut. Und wenn diese Pandemie dazu gut war ein neues, erfüllteres Leben zu führen, dann bitte!

Hmmm schwere Frage
Sie hat mir Zeit gegeben, um arbeitstechnisch mal runter zu fahren. Zwar ungewollt, aber wenn man eh nichts ändern kann und das ganze so hinnimmt, kann das schon echt entspannend sein.
Leider kann ich das nicht mit in die Postpandemiezeit mitnehmen. Und vielleicht noch die vielen Spaziergänge
.“

Auch diese Antwort fand ich spannend. Und auch, wenn ich das letztes Jahr beängstigend fand, dass plötzlich so ein Stillstand herrschte, muss ich jetzt auch sagen, dass diese Entschleunigung in vielerlei Hinsicht nicht schlecht war. Und ehrlich gesagt träume ich mich manchmal noch zurück in die Zeit, eine Zeit mit extrem wenig Möglichkeiten, wo einem nichts übrige blieb, als einfach mal einen Gang runter zu schalten.

Ich mag die nächtliche Ausgangssperre. Da fällt es wenigstens nicht auf, dass hier um 21 Uhr sowieso alles zu hat.

Und zuletzt noch ein bisschen Ironie. Hat aber eben auch immer etwas Wahres. Und das gilt nicht nur für die ländlichen Regionen. Ohne Mist, mir geht in Berlin die Ausgangssperre ziemlich am Arsch vorbei. Was soll ich denn bitte noch nach 22.00 Uhr draußen?

Tja, da seht ihr es, es ist nicht alles schlecht, was uns dieses Jahr der Pandemie gebrach hat. Sie ist noch nicht vorbei. Aber ich merke, wie langsam die Vorfreude wächst auf alles, was wieder möglich sein wird. Dennoch werde ich diese sehr intensive Zeit nicht vergessen und mir definitiv die neuen Errungenschaften erhalten.

Danke an alle, die ihre Gedanken dazu mit mir geteilt haben. Vielleicht konnten wir den ein oder anderen müde gewordenen Pandemie-Muffel ja dadurch ein wenig sensibilisieren, nicht immer nur alles schwarz zu malen. Das Beste ist, was wir draus machen!

5 Gedanken zu “Errungenschaften

      • Aber nur „gefühlt“, hoffe ich. – Und Du hast Dein Leben in dieser Zeit wirklich bereichern können, so liest es sich hier. Es wäre klasse, wenn manches von dem auch in die Zeit danach übernommen werden könnte. Was denkst Du?

        Gefällt 1 Person

      • Ja auf jeden Fall nur gefühlt, das ist klar. So schnell kriegt mich auch keine Pandemie klein.
        Tatsächlich ist einen Tag nach diesem Beitrag eine mir nahestehende Person trotz Impfung positiv getestet worden. Und Sie hatte sich auch nicht leichtsinnig verhalten. Da fragt man sich eben manchmal, wieso diese Welt so verdammt unfair ist.
        So etwas zieht einen dann schon mal echt runter. Dennoch bewahre ich mir sehr viele der positiven Dinge, weil es wirklich tolle Errungenschaften sind.

        Gefällt 1 Person

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