Alle in einem Bad

Es war ein trüber Tag im November. Draußen war es kalt und es regnete. Vom goldenen Herbst keine Spur. So ergab es sich, dass sich einige einsame Menschen zusammen fanden. Einsamkeit macht bedürftig. Sie klagten sich gegenseitig ihr Leid. Es war eine harte Zeit, der Winter stand vor der Tür und Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Sie alle waren so einsam und sehnten sich so sehr nach dem Einen, der ihr Leben komplett machen würde, der es schaffte, dass man sich geborgen fühlt. So spendeten sie sich gegenseitig Trost. Ihr Lieblingsort für die Zusammenkünfte wurde ein Badezimmer. Es unterstrich nur noch mehr die Tostlosigkeit, die kalten weißen Fließen passten zur Stimmung der Alleingelassenen. So trafen sie sich immer öfter und ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Sie erfanden sogar eine Uniform und gaben sich einen Gruppennamen. So schafften sie sich eine Indentität und fühlten sich mehr und mehr gemeinsam einsam.

Und schon bald erheiterte sich die Stimmung. So gut, wie das eben geht bei chronisch Einsamen. Das Zusammensein tat ihnen gut. Sie fingen an zu singen und zu tanzen. Natürlich war Einsamkeit zentrales Thema der Gesänge. So konnten sie den tiefen Emotionen Raum geben. Sie fanden nützliche Utensilien, die sie nutzten, um die Gelüste der Einsamkeit und des Verzichts zu befriedigen. Sie steckten sie sich in den Mund, sie leckten daran, sie rieben sich daran und erzeugten dabei plötzlich merkwürdig lustvolle Geräusche. Sie berührten gegenseitig ihre Körper und räkelten sich zu fünft – manchmal auch zu zehnt – in der Badewanne. Endlich hatte ihr einsames Dasein einen Sinn. Endlich konnte sich die Leidenschaft entladen.

Aus einem verzweifelten Treffen der Einsamen wurde eine Institution. Sie filmten sich bei ihren Orgien und stellten die Videos ins Netz. So konnten sie anderen einsamen Seelen Trost spenden.
Pünklich jeden Mittwoch um 19.00 Uhr wurde eine Lifestream gestartet. Sodass auch jeder Einsame auf der Welt die Möglichkeit hatte, die Badezimmer-Action zu verfolgen. Die Gruppe wurde kreativ. Immer mehr Utensilien aus dem Bad wurden zweckentfremdet, um einen möglichst großen Lustgewinn zu erzielen. Und so wurde aus grenzenloser Einsamkeit eine Institution.

Und wenn sich Nachbarn und Freunde schon fragten, was jeden Mittwoch hinter der verschlossenen Tür des Bsdezimmers mit den weißen Fliesen passiert, dann haben sie hier nun die ungeschminkte Wahrheit.

2 Gedanken zu “Alle in einem Bad

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