Road-Trip

Trotz der vielen Arbeit habe ich es geschafft, mir ein paar Tage freizuschaufeln, um zumindest noch so ein bisschen was wie Urlaub zu machen. Eigentlich wollte ich in Portugal und Südfrankreich rumhängen, Bordeaux schlürfen und Baguette knabbern. Aber gut, es wurde dann eine Radtour mit Sack und Pack durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bis nach Lübeck und wieder zurück.

Ich teilte die Tour in vier Etappen. Ich wollte am Tag immer 70 bis 80 km auf dem Rad zurücklegen. Um ehrlich zu sein, war ich skeptisch, ob das wirklich realistisch sein könnte. Ich packte sparsam. Am ersten Tag fuhr ich mit dem Zug in Richtung Nordwesten von Berlin und startete meine Tour in einem kleinen Dorf in Brandenburg. Mit Hilfe von Google maps und meiner doch recht guten Intuition radelte ich bei schönstem Sonnenschein durch Wälder und Felder, über Landstraßen, bis ich schließlich den Elberadweg erreichte. Es war traumhaft und es war ruhig. Man traf kaum Leute, wenn dann andere Radfahrer. Selbst auf den Straßen war ich fast immer allein. Ich konnte die Stille genießen und fand es großartig mit mir und meinen Gedanken allein zu sein. Und bis auf die letzten 10km,wo auf dem Elbdeich ordentlich Gegenwind aufkam, war die Tour zwar herausfordernd, aber keineswegs jenseits meiner Kräfte. Stolz, erschöpft aber glücklich und voller Endorphine erreichte ich am Nachmittag mein Ziel. Ich übernachtete im Burghotel Lenzen. Die Burg und der kleine urige Ort waren wunderschön. Als wäre die Zeit dort irgendwann im Mittelalter stehen geblieben. Herrlich.

Den Abend verbrachte ich mit einem Glas Wein vor dem Fernseher. Mehr konnte man ohnehin nicht tun und mir fielen beizeiten die Augen zu. Umso eher erwachte ich am Tag darauf. Ich nutzte die Zeit vor dem Frühstück für einen kleinen Spaziergang durch die Auenlandschaft. Anschließend aß ich mich am Buffet ordentlich satt und startete gut gelaunt in die zweite Etappe.

Es ging weiter gen Norden, wo ich am Nachmittag den Zug nach Wismar nehmen wollte. Ich kam sehr viel schneller voran als gedacht. Weshalb ich dann doch noch ein paar Orte weiter fuhr, als geplant. Das Wetter war traumhaft und die Landschaft beeindruckend. Und wieder diese Stille, einfach super. Am Bahnhof angekommen dann die Ernüchterung. Der Zug hatte 50 Minuten Verspätung. Ich beschloss, bis nach Schwerin weiter zu fahren. Diesen Plan gab ich wieder auf, als Google mich über einen lebensgefährlichen Waldweg schicken wollte. Mein Internet wollte im Wald keine alternative Route finden. Also kehrte ich zum Bahnhof zurück. Warten war in dem Kaff aber echt keine Option. Also fuhr ich schon leicht gestresst zumindest noch in den nächsten Ort. Endlich angekommen, dachte ich, alles wird gut. Aber der Bahnhof war leider nicht barrierefrei. Mein Fahrrad wog gefühlte 80kg und weit und breit war niemand. Ich mobilisierte alle meine Kräfte, ich wollte in diesen Zug steigen. Und es wäre gelacht gewesen, wenn ich nicht auch diesen Test bestanden hätte.

In Wismar angekommen checkte ich direkt im Hotel ein und gönnte mir eine Dusche. Das war wirklich immer das beste nach den Touren. Anschließend schlenderte ich noch ein bisschen durch die schöne Hansestadt. Auch an diesem Tag erlebte ich ein ähnliches Hoch wie am ersten. Das Alleinsein und die Ruhe Taten mir gut. Ich strahlte innerlich. Manchmal sang ich, manchmal fluchte ich und einmal weinte ich sogar vor Glück. Die Erschöpfung war ein bisschen wie high sein. Und irgendwie machte mich das süchtig.

Den Vormittag des dritten Tages nutze ich für einen kurzen Kundentermin in Wismar. Nebenbei zu arbeiten machte mir nichts. Wobei es insgesamt ein bisschen von meiner Ruhe raubte. Umso glücklicher war ich, als ich endlich wieder auf dem Sattel saß und an der Küste entlang Richtung Rostock düste. Die Strecke war leider insgesamt nicht so schön, wie die Tage zuvor. Die Radwege führten neben der Straße her. Von Ruhe war kaum noch etwas zu spüren. Die Ostsee als Urlaubsziel 2020 boomte nach wie vor.

Insofern fuhr ich eigentlich direkt durch und kam pünktlich zum Feierabend meines Freundes in Rostock an. Kein Tag ohne Test. 9 Minuten vor Ankunft gab es einen so heftigen Wolkenbruch, dass ich einmal komplett geduscht war. Als ich da war, war wieder herrlichstes Wetter. Naja, was solls. Ich freute mich über das Wiedersehen. Nach der obligatorischen Dusche holten wir Getränke und Essen und ließen den Abend auf der Couch gemütlich ausklingen.

Auch am vierten Tag rief in Rostock zunächst der Job. Außerdem musste ich dringend ein paar Mails beantworten. Auch wenn es Arbeit war, fühlte ich mich danach erleichtert. Sonst wäre ich am kommenden Montag unter der E-Mail Flut zusammen gebrochen. Am späten Nachmittag fuhr ich dann mit dem Zug zum nördlichsten Ziel meiner Reise, nach Lübeck zu T.

Ich freute mich tierisch, dass ich es nach drei Jahren endlich schaffte ihn mal in seiner zweiten Heimat zu besuchen. Und die wunderschöne Hansestadt kannte ich auch noch nicht. Und natürlich verbrachten wir den Abend in Bars bei Wein, Bier, Zigaretten und tiefgründigen Gesprächen. Wir genossen es beide sehr, in Ruhe und ungestört Zeit zu haben.

Am folgenden Tag erkundete ich Lübeck ein bisschen auf eigene Faust. Die kleinen Gassen, süßen Häuser und vielen Kirchen beeindruckten mich. Ich ließ mich einfach treiben. Später traf ich mich mit T zum Essen und danach besuchten wir eine Freundin von ihm. Der Abend wurde natürlich wieder sehr alkoholisch. Nach zwei Absackern im Irish Pub vom Vorabend – Irish Carbomb, man versenkt einen Shot Baileys-Whiskey Mischung in einem kleinen Guinness und ext das – fielen wir um drei ins Bett. Aufstehen fiel mir entsprechend schwer, mein Kopf dröhnte. Aber zum einen musste ich los zum anderen zog es mich wieder aufs Bike. Die erste Etappe nach Travemünde war daher auch echt hart. Dort gönnte ich mir erstmal eine Cola und ein Fischbrötchen. Das wirkte Wunder. Weiter ging es an der Küste entlang Richtung Wismar. Das Wetter war zunächst herrlich, dazu Rückenwind und tolle Kulisse. Irgendwann zog ein ordentlicher Sturm auf. Aber die Windrichtung stimmte immer noch, insofern wurde ich zwar ordentlich nass aber es war auszuhalten. Ich genoss die Einsamkeit an diesem Tag besonders. Immerhin war es der letzte. Ich hörte Musik und sang laut mit. Ich wurde richtig traurig. Ich wollte nicht nach Hause, nicht zurück in meinen Alltag. Zweimal war ich den Tränen nahe. Ich versuchte jeden einzelnen Eindruck festzuhalten und aufzusaugen. Diese Freiheit war so großartig. Ich will das öfter. Aber ich will es allein.

Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug nach Berlin. Ich will nicht ankommen. Ich will weiterhin weg sein. Es ist komisch. Aber so geht es mir häufig, wenn ich viel Zeit mit mir hatte. Ich will sie dann ungern wieder teilen. Auf jeden Fall war dies eine super tolle Erfahrung, von der ich noch lange zehren werde. Und sicherlich wird das nicht meine letzte Tour gewesen sein. Ich blicke heute glücklich, zufrieden und auch stolz auf knappe 300km Radtour zurück. Und in diesem Moment schaue ich aus dem Zugfenster und entdecke einen Regenbogen. ❤

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