Manchmal wäre ich gerne ein Vogel…

… dann wäre ich frei und unbeschwert.

Manchmal sitze ich am Fenster und beobachte die Vögel, die im Hinterhof in den Bäumen sitzen. Sie sitzen da eine Weile, sehen sich um, recken den Schnabel in den Himmel, sie singen und zwitschern, manchmal wüsste ich gern worüber. Manchmal kommt ein anderer Vogel hinzu, dann tauschen sie sich aus, sie flirten oder sie streiten. Und wenn sie genug haben von dem Baum oder von dem anderen Vogel, dann breiten sie die Flügel aus und fliegen weiter. Sie suchen sich Nahrung, wenn sie Hunger haben, sie schlafen, wenn sie müde sind. Und so geht das den ganzen Tag, das ganze Leben. Ab und zu haben sie einen Partner, bauen ein Nest und bekommen Kinder. Manche Vögel sind monogam, sie nehmen es mit der Treue dennoch nicht so ernst. Sie können ja einfach von Nest zu Nest fliegen. Zugvögel haben es noch viel besser. Sie halten sich immer da auf, wo es gerade warm und sonnig ist. Wenn es auf der einen Seite der Erde Winter wird, fliegen sie einfach da hin, wo die Sonne scheint.

Wenn ich ein Vogel wäre, dann würde ich diese Freiheit voll auskosten. Ich würde den ganzen Tag fliegen und die frische Luft genießen. Ich hätte keine Sorgen. Und wenn ich welche hätte, ließe ich sie hinter mir, weit weg.

Leider bin ich kein Vogel. Ich sitze hier auf der Erde. Ich kann nicht wegfliegen. Ich versuche manchmal wegzurennen, aber meistens komme ich nicht weit. Es ist als würde ich pausenlos auf einem Laufband rennen. Und die Sorgen und Gedanken und die Schuld holen mich immer wieder ein.

Ich habe die letzten Tage viel Zeit mit Nachdenken verbracht. Ich frage mich immer, woran es liegt, dass man einerseits so unbeschwert sein kann, beinahe wie ein Vogel und dann plötzlich Erinnerungen hochkommen, die einen wie schwere Steine nach unten ziehen und ausbremsen. Erst kommt nur eine und die weckt dann eine weitere. Sie räkeln sich, werden langsam wach und beginnen Krach zu machen. Und mit ihrem Krach wecken sie immer mehr und mehr der schlafenden Erinnerungen. Das geht so lange, bis sie alle wach sind und durcheinander quatschen. Jede einzelne hat so viel Mitteilungsbedürfnis, jede will zu Wort kommen und drängt in meinem Kopf nach vorn. Und ich bin dann tagelang damit beschäftigt, sie alle anzuhören, sie zu beruhigen, sie zu verstehen, sie zu streicheln und wieder langsam in den Schlaf zu wiegen.

Das Thema Kontrolle vs. Kontrollverlust und Übergriffigkeit von außen lässt mich im Moment nicht los. Gerade sind alle Erinnerungen daran hyperaktiv und schwer zu beruhigen. Jeden Tag weine ich trockene, erstickte Tränen. Trocken wie Staub sind sie und sie vermögen es einfach nicht, die Gefühle wegzuspülen.

Eine meiner besten Freundinnen vertraute mir die Tage einen Vorfall an. Auch sie musste die Erfahrung machen, dass ein Mann gegen ihren Willen Grenzen überschritten hat. Und auch sie wusste sich nicht zu helfen, fand nicht den Mut, ihm Einhalt zu gebieten und ließ es über sich ergehen, weil sie der Meinung war, es wäre in dem Moment das einfachste. Als sie es mir erzählte, schossen mir die Tränen in die Augen. Ich fühlte Wut, Traurigkeit und Entsetzen zugleich. Ich war aber auch dankbar für ihr Vertrauen und ich konnte ihr Verhalten verstehen. Wie oft habe ich mir das Gleiche eingeredet? Dass es leichter und einfacher sei, es einfach auszuhalten, als jedes Mal ein Fass aufzumachen. Vor allem, weil es oft mit Männern passierte, die mir eigentlich nahe standen. Aber auch die hatten nicht das Recht! Und wie ging es mir hinterher damit? Als ich es realisierte, fühlte ich mich schmutzig und benutzt.
Immer und immer wieder habe ich die Szenarien für mich in meinem Kopf durchgespielt. Und jedes Mal komme ich zu dem Schluss, dass ich selbst schuld bin. Und diese Schuldgefühle machen mich wahnsinnig. Ich habe mitgemacht, habe es ausgehalten, habe nicht eindeutig STOP gesagt.
Es waren Männer, von denen ich dachte, dass ich sie liebe. Woher hätten sie wissen sollen, dass das gerade gegen meinen Willen passierte, wenn ich dieses eine so wichtige Wort nicht aussprechen konnte?
Ein ähnliches Dilemma habe ich auch im Alltag. Ich möchte als selbstbewusste, attraktive Frau wahrgenommen werden. Doch ein Rock, der vielleicht ein bisschen zu kurz ist, kann schnell mal falsche Signale senden. Oder sind es die Empfänger, die diese absichtlich falsch deuten?

Ich will definitiv niemanden in Schutz nehmen.
Reicht nicht schon ein kleines bisschen Feingefühl, ein bisschen gesunder Menschenverstand und Einfühlungsvermögen, ein bisschen ernsthaftes Interesse an der Frau, die da unter einem liegt, um eine solche Situation einschätzen zu können?
Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist und dass Grenzen besonders in solchen Situationen extrem schnell verschwimmen.
Ich möchte hier nichts verallgemeinern und auf keinen Fall alle Männer über einen Kamm scheren. Ich kenne genug respektvolle Exemplare der Gattung, denen dies nicht gerecht werden würde.
Aber ich glaube, dass manche Männer ihre Lust und Triebhaftigkeit über alles stellen. Dass sie dann nur noch die eigene Befriedigung im Sinn haben und nicht mehr nach links und rechts schauen. Und mit Befriedigung meine ich nicht nur das reine Abspritzen. Ich habe erlebt, dass es viel mit Macht zu tun hat oder auch, dass man hinterher eine tolle Story zu erzählen hat, dass man bei der nächsten Männerrunde prahlen kann, wie viel tollen Sex man so hat mit dieser Frau.
Bei meinem (Ex-) Mann war es die Bestätigung seines Egos und es war seine Art, sich meiner zu vergewissern. Solange er mit mir schlief, dachte er, er könnte mich nicht verlieren und es würde mich an ihn binden. Sex war immer ein Indikator für unsere Beziehung. Nach einem Streit passierte das sehr oft und nein, das war nicht, was man klassischer Weise Versöhnungssex nennt. Es diente einfach nur dazu, die Verbindung zwischen uns aufrecht zu erhalten.

Wenn ich an all das denke, steigt Ekel in mir auf. Ekel vor diesen Personen, Ekel vor mir selbst. Und dieses Schuldgefühl, was ich einfach nicht loswerde – es frisst mich auf.

Manchmal wäre ich gern ein Vogel – frei und unbeschwert. Dann könnte ich die Flügel ausbreiten und all das hinter mir lassen. Und wenn ich Lust hätte, dann würde ich allen, die mich verletzt haben aus der Luft auf den Kopf kacken.
Und ich weiß, dass ich verdammt nochmal irgendwann dieser Vogel sein werde. Dass ich mich irgendwann über all das und all diese Menschen erheben werde.
Ich bin reflektiert genug, um alles irgendwann so zu verarbeiten, dass ich mir selbst und den Peinigern verzeihen kann – vor allem mir selbst!
Und dann werde ich meine Federn richten, mein Gesicht gen Himmel richten, ich werde fliegen und ich werde stark, frei und unbeschwert sein.

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5 Gedanken zu “Manchmal wäre ich gerne ein Vogel…

  1. So, hmpf.
    Versuche mir zu erklären, warum du dich an gemachten Fehlern festhälst. Sie sind gemacht, es waren Fehler, aber es liegt in der Vergangenheit. Natürlich ist es wichtig, gemachte Fehler nicht wieder zu machen, aber sie sollten nicht deinen Alltag bestimmen.

    Du willst ein Vogel sein? Was ist mit der Lebenserwartung eines Vogels? Außerdem sind Vögel sehr monogam. Nix da wird hier und da mal gevögelt. So einfach ist das auch nicht und wenn du den BÖSEN auf den Kopf kacken willst, so könnten die das auch als Glück ansehen. Wenn dir bei uns ein Vogel auf den Kopf kackt, spricht man jedenfalls davon.

    So und jetzt zum Anfang deines Beitrags. Die Sorgen, Gedanken und Schulden holen dich immer wieder ein. Okay, über Gedanken hab ich ja schon geschrieben. Sorgen und Schulden bleiben. Wir kennen uns nicht und doch behaupte ich, du gehst es auch hier falsch an. Durch Schulden kommen die meisten Sorgen. Überlege, wie du Schulden verringern, vermeiden kannst. Entweder mittelfristig die Zähne zusammen beißen, oder Lebensstil ändern. Das „Problem“ als erstes bearbeiten. Dann der nächste Schritt, aber erst, wenn Schulden weg sind, sonst kommst du ins straucheln. Ein negatives Ding nach dem anderen aus deinem Leben entfernen, dann wird es ruhiger. Mir persönlich kommt es vor, als ob du zu viel auf einmal machst und deshalb manche Dinge nicht konsequent fertig bekommst. Mag sein, dass ich mich irre, wie gesagt, wir kennen uns nicht. Grübele nicht so viel. Vergangenheit ist vorbei. Pass nur für die Zukunft auf, dass dir nicht wieder so ein Typ über den Weg läuft.

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    • Tja, das ist eine gute Frage. ich bin nicht gut darin, Dinge ruhen zu lassen. Sie kommen immer wieder. Eben diese Gedanken, sich sich gegenseitig wach rütteln. So auch mit den Fehlern. Und daraus entstehen eben Schuldgefühle. Ich weiß, daran muss ich arbeiten.
      Das mit dem Vogel hab ich wohl schlecht recherchiert. 😉 Ganz monogam sind einige Ausnahmen aber wirklich nicht 😉
      Der Kampf mit der Schuld ist wirklich mein schwerster und ich weiß, dass ich den jetzt erstmal führen muss, um mich frei für anderes zu machen. Ob es dabei ein richtig oder falsch gibt, wage ich allerdings zu bezweifeln.
      Danke für deine Worte!

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      • Bitte, gerne.
        Wie gesagt, positive Dinge in den Vordergrund stellen und nicht so viel grübeln. Wie sang Herbert Grönemeyer: Lache, wenn dir zum weinen ist.

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  2. Schuld ist da ganz falsch an der Stelle und Ekel auch. Warum fühlst du Schuld? Weil tief in dir drin denkst du, du seist was schuldig, es wäre doch ok über dich hinweg zu gehen?
    Es ist der tiefe Glaube dass sexuelle Anziehung moralisch verwerflich sei. Und auch etwas versprechen würde, was man einhalten MUSS, sonst bleibt man dem Wollen der Männer was schuldig. Das stimmt aber nicht. So wird der Sex der Frau weggenommen, sie wird mit schuldig gemacht an der Grenzüberschreitung. Und das ist Missbrauch. Oder magst und spielst du damit gern, mit den eigenen Grenzen? Auch das steht dir zu. Du darfst damit spielen und manchmal noch auf Scham davor stoßen. Vielleicht stecken dahinter unbewusste Wünsche die Kontrolle aufzugeben und sich das selbst zu erlauben. Es ist alles ok, du darfst alles erleben was du dir wünschst, auch wenn das gegen die Normvorstellung ist. Viele mögen Überwältigungsfantasien und schämen sich dafür, dabei gibt es keinen Grund. Es ist ok. Es muss nur ins Bewusstsein, dann verschwindet der Schuld-Aspekt schnell. Wenn du das was du möchtest integrierst musst du dich nicht dafür bestrafen.

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    • Ich fühle mich schuldig, weil ich in dem Moment als ich merkte, da wird wirklich eine Grenze überschritten, nicht stop gesagt habe. Aber es gibt auch die andere Seite. Wie du sagst, ich spiele auch gern damit. Aber dann mache ich das freiwillig, weil es mir gefällt. Auch das kenne ich und habe es schon gemacht. Aber die Situationen waren ganz anders. Es war einvernehmlich. Und sowas merkt man. Zumindest empfinde ich das so.
      Das Schuldgefühl bleibt. Aber ich arbeite daran, zuerst das vergangene zu verarbeiten und dann daran, das gegenwärtige und zukünftige schuldfrei genießen zu können.

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