Viel zu viel zu viel

Toll, ich habe es mal wieder geschafft. Ich habe mal wieder wochenlang nur funktioniert, gearbeitet, gefeiert, immer unter Strom gestanden. Und obwohl ich gemerkt habe, dass es mir gar nicht gut geht und meine Stimmung sich immer weiter in den Keller verabschiedet, habe ich es nicht für nötig gehalten, mir eine Pause zu gönnen.
Selbst als mein Körper letztens gestreikt hat und mir mit einem Anflug von Erkältung mitteilen wollte, dass es jetzt langsam reicht, habe ich das recht gekonnt ignoriert.
Aber mein Körper ist ja nicht doof. Mal abgesehen von Kleinigkeiten, wie extrem schnelle Reizbarkeit und Müdigkeit, hat er noch ganz andere Sachen drauf, um mir deutlich meine Grenzen zu zeigen. So hat mich die Tage mal wieder eine fiese Panikattacke heim gesucht. Das – allerspätestens – ist ein Alarmsignal, welches ich ernst nehmen sollte.

Ich fühle mich dann, als könnte ich nicht mehr atmen. Irgendetwas schnürt mir die Kehle zu, mein Puls rast und ich bin unfähig, irgendetwas zu tun, zu reagieren, geschweige denn, mich zu beruhigen. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an meine beste Freundin, die dann immer ganz tapfer meine total verwirrten Sprachnachrichten anhört und versucht, mir gut zuzureden und mich zu beruhigen. Meistens klappt das auch ganz gut und das einzige, was ich in dem Moment dann wirklich machen kann, ist schlafen. Nun, der Moment, in dem so eine Attacke da ist, ist die eine Sache. Da ist runter kommen und klar kommen erst einmal Prio 1. Aber das ist natürlich lange nicht alles. Ich muss endlich wieder anfangen, mich und mein Tun zu hinterfragen. Ich habe es zwar geschafft, in den letzten Wochen nicht mehr vom einen ins andere Extrem zu leben, dennoch war mein Leben nach wie vor chaotisch und mein Lebensstil eher so semi-gesund. Ich habe es diesmal nur länger ausgehalten.

Im Grunde weiß ich sehr wohl, was mir gut tut und was ich tun sollte, um mein körperliches und seelisches Gleichgewicht zu halten. Ich bin aber manchmal schlicht und einfach zu faul. Es ist viel leichter, sich ständig zu berauschen, sei es mit Alkohol, mit Männern, mit Essen, mit Netflix, mit Feiern… sich wie auch immer abzulenken von Gedanken, davon einfach mal die Ruhe auszuhalten und zu sehen, welche Gedanken kommen. Es müssen ja noch nicht mal negative Gedanken sein. Gestern Abend habe ich mich bewusst gegen Netflix, Wein und andere Berauschungen entschieden und bei absoluter Stille auf der Couch eines meiner tollen Ausmalbilder gestaltet. Und es tat wirklich gut. Dabei konnte ich über Gott und die Welt nachdenken, Gedanken da sein lassen und einfach mal ein bisschen reflektieren, was grad so passiert.

Und dennoch: Ich habe nach wie vor riesige Angst, vor negativen Gefühlen, vor dem Leiden, vor Trauer, vor allem, was sich nicht gut anfühlt. Und deswegen schiebe ich all das immer möglichst weit weg, lenke mich ab, plane meine Tage von vorn bis hinten durch, um ja nie zur Ruhe zu kommen.

Im Moment steuere ich ja endlich auf der Zielgeraden Richtung Scheidung, was bedeutet, dass ich meinen „bald wirklich Ex-Mann“ demnächst noch einmal treffen muss – vor Gericht. Auch das ist ein Gedanke, der Panik in mir auslöst. Jedes Mal, wenn ich den Briefkasten öffne, habe ich Angst, es könnte ein weiterer Brief von ihm oder vom Gericht kommen, eine weitere böse Überraschung, oder einfach nur ein Lebenszeichen, etwas, was ich nicht beeinflussen kann und was mich aus der Bahn werfen könnte.

Und eben wollte ich mir noch die Frage stellen, was diese Panik in mir auslöst und während ich so tippe, ist mir die Antwort ganz klar: Es ist der Kontrollverlust, den ich nicht kontrollieren kann. Ich hatte es schon hier und da erwähnt, dass ich ein Kontrollfreak bin, der gerne mal außer Kontrolle gerät. Ja, das ergibt tatsächlich Sinn.
Diese Art des Kontrollverlustes steuere ich irgendwie. Sei es, wenn ich feiern gehe und trinke, oder auch bei den BDSM Spielchen. Ich führe den Kontrollverlust bewusst herbei und habe somit ja doch irgendwie immer noch die Fäden in der Hand.
Bei diesen Briefen, die ich so fürchte, ist das ganz anders. Ich kann nichts tun, sie erreichen mich, sie schütten ihren Inhalt und ihre Konsequenz einfach über mich aus, ohne dass ich mich wehren kann. Und plötzlich bin ich wieder wie ein kleines Kind – vollkommen hilflos. Plötzlich bricht alles über mich herein.
Diese Erkenntnis trifft mich gerade. Ich sitze hier und Tränen tropfen auf die Tastatur. Es ist kein Selbstmitleid. Es ist auch nicht wirklich Trauer. Gerade ist es Erleichterung. Erleichterung und Freude darüber, dass ich gefunden habe, was mich bewegt. Das die Erkenntnis in dem Moment, als ich mich endlich wieder getraut habe, mich zu hinterfragen, mich genau in dem Moment wie ein Blitz trifft.

Dieses Thema ist nicht neu für mich – im Gegenteil. Ich glaube, es ist eine Art Trauma, welches ich schon viele Jahre mit mir herumschleppe. Ich weiß auch woher es kommt. Es rührt von den ersten sexuellen Übergriffen, die sich über meine Kindheit und Jugend erstreckten. Es war etwas, was ich nicht kontrollieren konnte. Jemand nahm Einfluss auf mich, jemand nahm sich etwas, was ihm nicht zustand. Seitdem gibt es zwei Aspekte dieses Traumas. Zum einen die Panik vor Übergriffen, die ich nicht kontrollieren kann und die mich dazu bringt, wegzulaufen und zu verdrängen. Denn auch negative Gefühle, Erinnerungen, die unkontrolliert hoch kommen, zählen zu solchen „Eingriffen“. Und zum anderen die bewusste Eskalation, die ich immer wieder provoziere, weil ich diese ständige Beherrschtheit, diese Kontrolle, dieses geplant-sein nicht auf Dauer ertrage, weil es unglaublich anstrengend ist.

Durch meinen (Ex-) Mann hat dieses Trauma noch einmal Futter bekommen. In vielen Aspekten, über die ich im Nachhinein viel nachgedachte habe, die mit seiner narzisstischen Natur einher gehen, hat er ebenso Kontrolle über mich ausgeübt und in viele Teile meines Lebens eingegriffen, die ich in dem Sinne dann nicht mehr kontrollieren konnte. Ich möchte mich gar nicht in eine extreme Opferrolle begeben – ich versuche lediglich zu verstehen. Ich habe mich manipulieren lassen, weil ich in vielen Momenten nicht die Stärke hatte, mich gegen ihn durchzusetzen. Ich habe Fehler gemacht, die ich heute so nicht mehr machen würde, ich habe es auch einfach nicht besser gewusst. Und wieder sind sie da, die unbändigen Schuldgefühle. Schuld – vor allem mir selbst gegenüber. Wer das kennt, weiß – sich selbst verzeihen ist das schwierigste.

Und ich frage mich, wie lange ich immer und immer wieder darüber nachdenken werde. Ist das normal? Oder hänge ich einfach nur viel, zu sehr und viel zu lange in der Vergangenheit rum?
Die Frage ist nicht so schwer zu beantworten. Ich würde behaupten es gibt kein „normal“. Ich bin ein sehr emotionaler und sensibler Mensch und ich muss über manches einfach länger nachdenken, länger verarbeiten und verstehen. Zum anderen habe ich mich wohl von Zeit zu Zeit zu sehr von anderen Dingen ablenken lassen, weil mir dieses ganze Nachdenken zu anstrengend wurde. Das hat mich in diesem Prozess immer wieder zurück geworfen.
Ich brauche etwas mehr Mut und vor allem Konsequenz, mich dem Ganzen zu stellen. Wenn es sein muss wieder und wieder, bis es besser wird. Und dann dauert es eben noch und dann rede ich eben nach zwei Jahren immer noch darüber. Es ist, wie es ist. Und alles ist besser, als verdrängen. Hauptsache ich arbeite daran und bleibe dran. Und vielleicht finde ich irgendwann eine Art Ritual oder Routine, die Dinge besser, regelmäßiger und nachhaltiger zu verarbeiten. Das wünsche ich mir.

15 Gedanken zu “Viel zu viel zu viel

  1. Ein Ritual, oder Routine wird es Leben nicht geben. Dann würde das Leben langweilig.
    Sich den Konflikten stellen, nicht leicht, aber nur das bringt für mich eine Lösung. Angst ist menschlich. Zeigt, dass du deine Sensibilität nicht verloren hast.
    Natürlich entstehen durch Handlungen Fehler. Denen muss man sich stellen und was will schon passieren, wenn die Briefe dir die Wahrheit kundtun? Das Leben geht weiter, allerdings nur, wenn du weißt, wo dein Weg dich hinführen soll. Das weißt du. Nie mehr dies, oder das. Somit hast du die Fäden in der Hand. Auch wenn es nicht so laufen sollte, wie du es wünscht, so ist es doch noch besser, als die Vergangenheit. Das vor Auge kann dir nichts passieren. Kopf hoch, alles wird gut.

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  2. Ähm, so nebenbei, hatte schon mal bei dir kommentiert, ist aber nicht mehr zu lesen 😳😳
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