Verbindlichkeit

In der letzten Zeit habe ich mir über das Thema „Verbindlichkeit“ immer wieder viele Gedanken gemacht. Was heißt denn Verbindlichkeit eigentlich?
Bisher sah ich Verbindlichkeit immer in bindenden Absprachen, die möglichst langfristig getroffen wurden. Diese Art von Verbindlichkeit ist mir sehr wichtig, da ich schon ein kleiner Kontrollfreak bin und mein Leben gern gut durchplane. Zum einen, weil ich mich dann eben auf Dinge verlassen kann, zum anderen, damit ich sicherstelle, dass es mir nicht langweilig wird. Denn Langeweile bedeutet immer viel Zeit zum Nachdenken und das mag ich ja nun überhaupt nicht.
Wobei das mit dem „sich verlassen können“ auch immer so eine Sache ist. Bindende Absprachen erwecken nämlich eine gewisse Erwartungshaltung. Ich erwarte, dass die Dinge so passieren, wie sie abgesprochen sind. Aber eine Sicherheit gibt es im Grunde nicht. Insofern gibt es niemals für irgendetwas eine Sicherheit. Und damit ist die Gefahr der unerfüllten Erwartungen und womöglich bösen Überraschungen groß – ein ewiger Teufelskreis.

Ich muss mich an der Stelle allerdings einmal selbst loben. Im letzten Jahr habe ich mich, was Erwartungen angeht, ziemlich entspannt. Als ich noch mit meinem (Ex-) Mann zusammen war, war das immer ein richtiges Drama, wenn eine Erwartung nicht erfüllt wurde, oder wenn ich bestimmte Dinge planen wollte, die er lieber spontan entschieden hätte. Da war ein Streit vorprogrammiert.
Jetzt wo ich allein bin, ist das natürlich insgesamt viel einfacher. Zudem kann ich mich auch gut selbst beschäftigen und habe kein Problem damit, auch mal einen ruhigen Abend allein zu verbringen, wenn sich Pläne ändern.

Verbindlichkeit hat für mich auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Und jetzt wird es kompliziert. Denn hier vermischen sich plötzlich hohe, unbegründete Ansprüche an Personen oder Dinge, die im Grunde niemals erfüllt werden können und automatisch zu Enttäuschung führen, wenn man dennoch an ihnen festhält und die eigentliche Wertschätzung der Personen mir gegenüber, die im Grunde mit dieser Art von Verbindlichkeit gar nichts zu tun hat.
So war ich zum Beispiel schon mehrfach vollkommen unbegründet auf T sauer, weil er mir diese Art der Verbindlichkeit nicht geben konnte. Sei es im Hinblick auf unsere Beziehung (wie ich sie mir manchmal vorstelle) oder aber in Bezug auf Verabredungen längerfristiger Natur. Das ändert aber rein gar nichts daran, wie er zu mir steht. Denn seine Wertschätzung mir gegenüber ist verbindlich. Ich denke, es muss eine Menge passieren, damit sich daran etwas ändert. Er ist aber, was das angeht, wirklich einer der entspanntesten Menschen, die ich kenne. Ich glaube, das liegt daran, dass er sich ziemlich gut in andere hineinversetzen kann und immer versucht den Gegenüber und die Gründe für sein Handeln zu hinterfragen und zu verstehen.
Das – also diesen feinen Unterschied zwischen Wertschätzung und meinem Verständnis für Verbindlichkeit – muss man sich selbst aber erstmal klar machen, es verstehen und verinnerlichen – eine Sache, die mir manchmal schwer fällt.

Und da kommen wir wieder zum Thema Selbstwert. Ich neige dazu, meinen Selbstwert daran zu messen, wie viel vermeintliche Wertschätzung ich von anderen bekomme. Dabei sollte ich mich doch in erster Linie selbst wertschätzen – unabhängig von anderen. Ja, es ist wieder das alte, leidige Thema.
Im Moment ist das mit der Selbstliebe mir gegenüber wieder recht schwer. Ich messe diese oft an oberflächlichen Faktoren, wie der Zahl auf der Waage, den sozialen und sexuellen Interaktionskontakten usw.
Mein Selbstwert ist total unverbindlich. Mal ist er unglaublich hoch und ich könnte Bäume ausreißen und mal möchte ich mich lieber in ein Loch einbuddeln. Die bedingungslose Liebe zu mir selbst habe ich noch nicht gefunden – zumindest nicht dauerhaft. Kann Liebe Pause machen?

Vielleicht sollte ich mit meinem inneren Ich mal eine Art Verbindlichkeit herstellen. Aber wie? Kann ich mich lieben, obwohl ich Dinge tue, die nicht gut sind – für mich, für meinen Körper? Und warum tue ich diese Dinge? Warum will ich mich phasenweise immer wieder einfach nur selbst zerstören, oder mir zumindest schaden, an meine Scherzgrenzen gehen, es immer bis aufs Letzte ausreizen?
Hier kommt jetzt wieder der Kontrollfreak ins Spiel. Ich liebe es nämlich zugleich, die Kontrolle zu verlieren, zu eskalieren… Aber ist das gut?
Die Frage nach dem richtig oder falsch zu stellen, macht glaube ich wenig Sinn.
Muss ich mich zügeln? Muss ich ein Maß finden? Oder muss ich vielleicht einfach mal annehmen, dass ich so bin – oder besser: mir auch mal Fehler verzeihen? Oder bin ich vielleicht gar nicht so? Ist das alles hier nur eine Maske?
Nein, ich denke nicht. Ich denke, ich bin schon relativ nah dran an meinem eigentlichen Ich. Ich bin nur einfach noch dabei, mich selbst kennen zu lernen – das neue „bessere“ Ich. Ich sollte mich akzeptieren und die Dinge, die ich tue einzig und allein für mich tun. Es ist nicht verwerflich, gerne viel Sex zu haben und feiern zu gehen. Was ich nicht brauchen sollte, ist dies zu nutzen, um mich zu profilieren.
Das klingt fast ein bisschen zu simpel, könnte aber durchaus Sinn ergeben. Wenn ich die Dinge einfach nur für mich tun würde, ganz bewusst, dann würde ich sie auch ganz anders genießen können. Ich habe es am letzten Wochenende gemerkt. Es tat gut, nicht so betrunken zu sein, dass ich am nächsten Tag keine Erinnerungen mehr habe. Ich habe meine eigenen Entscheidungen getroffen. Ich hatte Sex, weil ich unglaubliche Lust darauf hatte und nicht nur, weil ich dachte, dass es jemand von mir verlangt.

Vielleicht bin ich doch gar nicht so weit weg von meiner eigenen Verbindlichkeit mir gegenüber. Es erfordert nur eine Menge Aufmerksamkeit und vor allem ausreichend Ruhephasen.
Die Dinge entwickeln sich weiter, ich gehe weiter auf meinem Weg und lerne jeden Tag ein Stückchen dazu. Das ist gut, alles andere würde Stillstand bedeuten.
Eine Erkenntnis, über die ich erst einmal zufrieden sein kann.

3 Gedanken zu “Verbindlichkeit

  1. Finde mich in vielen Gedankengängen von dir wieder.. Und deine Sprache! 😍
    Verbindlichkeit hat für mich viel mit Vertrauen und auch Wertschätzung zu tun.
    Meine Liebsten wissen, dass auf mich Verlass ist. Natürlich bin ich auch mal zu spät oder sage Treffen ab, das dann aber respektvoll.

    Karma und so ✌🏼😇

    Gefällt 1 Person

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