Neues Gesicht – alte Muster

Wie schon erwähnt, habe ich am Samstag mal wieder eine neue Bekanntschaft gemacht. Nachdem ich mich an unsere erste Nacht überhaupt nicht mehr erinnern konnte, blieben wir in Kontakt, schrieben uns seitdem jeden Tag und hatten so die Möglichkeit uns zumindest ein bisschen mehr kennen zu lernen. Ich fand ihn nach wie vor nicht uninteressant und es wurmte mich natürlich, dass ich an die Nacht keine Erinnerungen mehr hatte, denn er behauptete, es wäre sehr gut gewesen.
Ich beschloss also, dem noch eine Chance zu geben und wir verabredeten uns im Park. Ich muss sagen, dass ich mich schon die ganze Zeit etwas getriggert fühlte, denn dieser Typ hat unglaublich viele Gemeinsamkeiten mit dem Koch. So viele, dass ich es schon fast gruselig finde.

Meine Neugier siegte dennoch und bei dem Treffen wurde es mehr als deutlich, dass ich sozusagen genau den gleichen Typ wieder getroffen habe. Hier die harten Fakten:

  1. Arbeit in der Gastro
    Ja, er ist kein Koch, aber Kellner und er hat so ziemlich die gleichen Arbeitszeiten wie der Koch nämlich von 17 bis 2 Uhr, was ja mal wieder super mit meinem Alltag zusammen passt. Zudem sagt er, wenn ich mal Zeit mit ihm verbringen will, kann er sich auch relativ spontan am Wochenende frei nehmen. Mal schauen, wie lang dieser Vorsatz so anhält.
  2. Die Optik
    Auch hier sind Ähnlichkeiten nicht zu leugnen. Er ist ebenfalls für einen Mann eher klein, hat Tunnel in den Ohren, ist vom Style her eher alternativ/punkig, nur der Bart fehlt ihm.
  3. Seine Überzeugung
    Damit meine ich seine Überzeugung von sich selbst. Er hält viel auf sich, hat ein recht großes Ego und eine recht gefestigte Meinung von allem. Zudem hat er sich erlaubt, über T zu urteilen, was ich schon mal überhaupt nicht nett finde. Auch hier Parallele, dass der Koch T überhaupt nicht mochte.
  4. Die große Klappe
    Die geht auch mit seinem Ego einher. Er sagt eben was er denkt und so wie ich das einschätze, sucht er schon auch ganz gern mal Streit. Hinzu kommt, dass er sich letztens die Hand gebrochen hat, weil er schlecht gelaunt (nachdem Gäste die Zeche prellen wollten) auf Arbeit gegen irgendetwas hartes geschlagen hat.
  5. Essen
    Als ich gestand, dass ich Veganerin bin, war ich gespannt, wie er reagiert. Er fand es gut, was ich wiederum gut fand. Dass er dann aber meinte, er habe jetzt schon fast ein schlechtes Gewissen, weil ich ja kein Fleisch esse, fiel mir wieder ein, dass der Koch sich ja auch bewusst mehr fleischlos ernährte durch meinen Einfluss, weil er dachte, er „muss“ das für mich tun.
  6. Mono vs. Poly
    Darüber haben wir bei unserem Date ziemlich lange diskutiert, es wurde schon beinahe hitzig. Denn auch hier unterscheidet sich seine Einstellung null von der des Kochs: wenn er eine Freundin hat, dann will er auch nicht, dass die wen anders fickt. Alles was für mich hinter Polygamie/Polyamorie steckt, konnte er nicht wirklich nachvollziehen, oder besser gesagt nur ansatzweise. Sex ist für ihn eines der wichtigsten Dinge, sogar Maßstab einer Beziehung. Hier gehen unsere Meinungen wirklich sehr weit auseinander.
  7. Der Einzelgänger
    Er selbst bezeichnet sich als Einzelgänger, ist meist auf Arbeit oder zu Hause bei seiner Katze. Er sagt, ich sei die erste Frau, die ihn seit langem aus der Wohnung bekommen hat und die erste mit der er seit langem Sex hatte. Irgendwas scheint ihn an mir sehr zu begeistern, das hat er mir auch mehrfach gesagt. Also auch wieder so eine Sache, die beim Koch von Anfang an genauso war.
  8. Die Herkunft
    Er kommt aus einer Kleinstadt in Brandenburg, die der Heimatstadt des Kochs nicht so unähnlich ist – so vom Klientel her. Er selbst sagt zwar, er ist kein Punk, war aber mal einer. Aber gut, mit 38 kann man dann irgendwann auch mal aufhören Punk zu sein. Das Alter ist übrigens bisher der einzige gravierende Unterschied.
  9. Lifestyle
    Wie schon erwähnt sucht er gern mal Ärger und hat sogar schon Vorstrafen. Nicht Gravierendes, wie ich ihn verstanden habe, aber immerhin. Außerdem kifft er wohl ganz gerne mal. Zudem hat er eine ganze Weile gebraucht, sein Leben so halbwegs auf die Reihe zu bekommen.
  10. Vergangenheit
    Auch er hat offensichtlich ziemlich üble Sachen erlebt. Es ist zwar keine gescheiterte Beziehung wie beim Koch, aber wohl eine recht tragische Kindheit mit saufendem, gewalttätigem Vater. Insofern wundern mich viele seiner Eigenheiten nicht. Ich war allerdings echt ergriffen, als er mir dies fast schon beiläufig erzählte. Seine Offenheit weiß ich aber sehr zu schätzen.

Ich bin, was unser Treffen angeht sehr zwiegespalten. Zwischenzeitlich hatte ich den starken Impuls, das Date abzubrechen und nach Hause zu fahren, weil mir das alles doch viel zu ähnlich war. Vor allem bei der Diskussion über unsere Vorstellungen von Beziehungen wusste ich, dass wir da nie auf einen Nenner kommen werden. Und ich habe wirklich keine Lust, das ständig wieder zu diskutieren. Man stelle sich vor, da kommen irgendwann noch Gefühle ins Spiel, was ich mir bei ihm durchaus vorstellen kann. Ich will mich nicht schon wieder schuldig fühlen müssen und auch niemanden verletzen. Außerdem will ich mir nichts vorschreiben lassen. Er sagt, er findet es zu viel, wenn ich mit mehr als drei Männern gleichzeitig ins Bett gehe, das könne er dann nicht. Aber soll ich deswegen jetzt Liste führen und zählen? Ich mag meinen Lifestyle und werde nicht wieder den Fehler machen, irgendwas für irgendwen aufzugeben. Ich gebe ihm recht und das hat er gut erkannt: es gibt Gründe, warum ich die Dinge so lebe, wie ich es tue. Und dass ich vermutlich ein Problem habe aufgrund der sexuellen Übergriffe der Vergangenheit und mich deswegen auch unbewusst immer wieder in prekäre Situationen bringe, ist kein Geheimnis. An diesem Punkt war ich tatsächlich extrem überrascht, wie schnell er mich und die „Situation“ durchschaut hat. Ziemlich harter Tobak für ein erstes Date.
Später meinte er, er könnte sich so eine nette Bettgeschichte vorstellen, man macht ab und zu mal was und hat ab und zu Sex. Ehrlich gesagt glaube ich, dass das auf einen ebensolchen Kompromiss wie mit dem Koch hinaus laufen würde. Im Grunde würde er es dennoch hassen, was ich mache, wenn wir nicht zusammen sind.

Dass ich keine Beziehung will, habe ich ihn gesagt. Er meint, er will auch keine. Ich habe auch gesagt, wie meine aktuelle Situation aussieht und dass ich mit vielen Dingen noch lange nicht im Reinen bin und es daher auch sein kann, dass ich einen Rückzieher mache. Ich habe also alle Karten auf den Tisch gelegt. Das kann er so nehmen wie es ist, oder es lassen.

Meine Vernunft siegte dann auch tatsächlich erstmal und wir verabschiedeten uns, beschlossen aber, dass wir uns auf jeden Fall wieder sehen. Er küsste mich zum Abschied. Und ich muss sagen, er küsst verdammt gut.
Als ich dann zu Hause war, schrieb er nochmal: er wäre doch gern bei mir gewesen. Als er erwähnte, er habe noch eine Flasche Sekt, besiegte er meine Vernunft und ich bestellte ihn doch noch zu mir. Wir saßen noch lange auf der Couch und redeten über Gott und die Welt. In einigen Dingen passen unsere Einstellungen schon recht gut. Natürlich kamen wir uns auch wieder näher und das fühlte sich wirklich gut an. Er war zärtlich und leidenschaftlich zugleich, seine Küsse waren weich und schmeckten gut. Sein Körper auf meinem, wir zusammen, das hatte schon was. Das hat mir wirklich gefallen. Ich konnte mich fallen lassen und habe es genossen, wie er mich begehrte.
Ich mag auch seine sehr direkte Art und dass er einfach sagt, was er denkt. Langweilig wird es mit ihm sicher nicht. Auch was Musik angeht, scheinen wir ähnlich zu ticken. Meine Playlist mochte er zumindest und er scheint auch ähnliche Clubs zu mögen. Und: endlich mal einer, der auch gern tanzen geht.

Tja und zu welchem Schluss bringt mich das? T ist ja, was ihn angeht erstmal skeptisch – zurecht. Und T hat bisher immer einen guten Riecher gehabt. Wobei ich dieses Thema noch einmal beleuchten muss, aber nicht jetzt.
Im Grunde stecke ich in der ganzen Sache schon wieder viel mehr drin, als mir lieb ist. Vielleicht auch, weil ich irgendwie das Gefühl habe, ihn schon lange zu kennen. Wenn, dann wäre jetzt die letzte Chance die Reißleine zu ziehen. Aber mal ehrlich – ich kenne mich – ich bin doch viel zu neugierig, was da jetzt noch so passiert.
Und irgendwie ist es schon auch ein bisschen ironisch, dass ich einfach so zufällig zweimal den gleichen Typ Mann kennen lerne. Immerhin kenne ich ja jetzt schon die Gefahren, die da lauern. Eventuell kann mich dies vor einem weiteren Fehler bewahren.

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