Typisch ich

Es war mal wieder eines dieser Wochenenden, an dem nichts so lief, wie es geplant war, ich sämtliche Signale meines Körpers, der mich zur Vernunft zwingen wollte, ignorierte und am Ende so eskalierte, dass ich mich gerade eigentlich überhaupt nicht selbst im Spiegel ansehen kann.

Prinzipiell freute ich mich sehr auf das Wochenende. Mir ging es letzte Woche mal wieder nicht so gut. Ein Tief kündigte sich an, bzw. war schon vor dem Wochenende über mich hergefallen. Das war an sich noch nicht so schlimm. Immerhin hatte das Hoch zuvor recht lange angehalten. Ich glaube, es hatte sich mal wieder ziemlich viel aufgestaut. Ich war viel unterwegs und habe mir einfach zu wenig Pausen gegönnt.
Umso mehr freute ich mich auf den Besuch meines Bruders. Mit ihm kann ich immer ich selbst sein. Er kam bereits am Donnerstag, da ich ihm zu Weihnachten Konzertkarten geschenkt hatte. Das Konzert war großartig und wir haben beide mal wieder so richtig zusammen abgefeiert. Den Freitag haben wir dann ziemlich hart gechillt, was auch mal echt gut war – stundenlang auf der Couch rumlungern, youtube Videos schauen, Blödsinn quatschen… Er erzählte mir sehr offen, was ihn aktuell beschäftigt und spielte mir auf meiner Gitarre seine neuesten Songs vor. Ich genoss die Unbeschwertheit und die schönen Gespräche sehr. Ein bisschen machte es mich stolz, dass er zum einen in Form von Texten einen Weg für sich gefunden hat, Dinge zu verarbeiten (und das mit mir teilte) und zum anderen, dass ich ihm als „große, erfahrene“ Schwester den ein oder anderen guten Ratschlag geben konnte.

Eigentlich wollte am Freitagabend seine Freundin, noch zu uns stoßen, worauf ich mich auch schon unglaublich freute, weil ich sie bei unserem ersten Kennenlernen direkt ins Herz geschlossen hatte. Leider kam dann alles anders. Da ihr Auto nicht anspringen wollte und es am Freitagabend keine andere Option gab, die knapp 250km nach Berlin zurückzulegen, musste sie uns leider absagen. Mein Bruder beschloss daraufhin bereits am Samstagmorgen zurück zu fahren, was ich sehr schade fand, aber auch gut verstehen konnte. Also war ich ab Samstag wieder allein und die bedrückte Stimmung holte mich wieder ein. Am liebsten hätte ich mich einfach unter meiner Decke versteckt und wäre  da geblieben. Allerdings hatte ich am Abend ein Konzert mit meinem Orchester, also musste ich wohl oder übel funktionieren.
Immerhin würde ich T beim Konzert sehen, wobei ich daran auch noch eine Weile zweifelte, da er sich an diesem Tag erst spät meldete und sich meine Ahnung bestätigte, dass er den Abend zuvor etwas zu viel gefeiert und getrunken hatte. Aber egal – er war dann letztendlich da und das war die Hauptsache. Zur Aftershow-Party konnte ich ihn diesmal allerdings nicht überreden, was dann auch wieder ziemlich schade war. Verübeln konnte ich es ihm aber nicht, wir gingen nämlich ins Berliner Hofbräuhaus. Der Touri-Schuppen war komplett ausgebucht, vor der Tür bildeten sich endlose Schlangen und drin wurde zu schlimmer Party-Musik gefeiert.
Da bleib nichts, außer sich ein Bier nach dem anderen rein zu schütten.

Mir war nicht entgangen, dass der Kellner mir schon den ganzen Abend schöne Augen machte und ganz offensichtlich Interesse an mir hatte. Als ich ihn – schon ziemlich angetrunken – zur Kasse begleitete (ich „musste“ natürlich mit Karte zahlen), gestand er auch direkt, dass meine Annahme nicht falsch war. Auch er war mein Typ, also ließ ich mir seine Nummer geben und versprach, mich später zu melden.

Inzwischen hatte ich an unserem Tisch Bekanntschaft mit zwei weiteren Typen gemacht, von denen einer noch Lust auf Weiterziehen hatte. Wir fuhren also mit dem Taxi zu zweit in eine Bar, wo wir weitere Drinks orderten. Er war vergeben und ihm somit die Hände gebunden, sonst wäre hier womöglich auch etwas gelaufen – zumindest behauptete er das. Ich hatte unterdessen sowohl T, als auch dem Kellner geschrieben wo ich war und dass ich wartete. Mein Begleiter vergewisserte sich noch, dass ich nicht lang allein bleiben würde und ließ mich dann mit meinem Wein zurück.
Was weiter passierte, konnte ich mir am nächsten Tag nur noch zusammen reimen, deswegen hier die Schnell-Zusammenfassung. Der Kellner kam, wir knutschten. T kam auch dazu und beschloss, dass es keine gute Idee war, mich mit dem Kellner nach Hause fahren zu lassen. Also brachte er mich kurzer Hand zu sich und legte mich in sein Bett. Er selbst zog noch weiter. Offensichtlich war er sich sehr sicher, dass ich in meinem Zustand einfach nur noch schlafen würde. Falsch gedacht! Irgendwie schaffte ich es tatsächlich wieder aufzustehen. Meinem What-App Verlauf kann ich allerdings entnehmen, dass ich ca. anderthalb Stunden gebraucht habe, bis ich im Taxi saß und tatsächlich noch zu dem Kellner gefahren bin. An das, was dann folgte, brauche ich ehrlich gesagt keine Erinnerungen mehr – es liegt auf der Hand. Als ich am Sonntagmorgen wach wurde, hatte ich zunächst keine Ahnung, wo ich war. Ts Nachricht, ob ich denn nach Hause gefahren sei und , dass meine Brille noch bei ihm lag, weckte dann ganz langsam ein paar Erinnerungen in mir. Also machte ich mich wieder auf den Weg zu T, der mir bei rekonstruieren der Nacht half. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen – er hatte sogar Kaffee für mich besorgt!
Auch eines meiner tollen Talente: Leute, die sich um mich kümmern immer schön vor den Kopf stoßen. Woran das bei T liegt, habe ich ja bereits ausführlich erläutert. Selbstschutz, oder wie man das nennt.

Auf dem Weg nach Hause war mir nur noch nach Heulen zu mute. Ich fühlte mich elend und schmutzig und vor allem fühlte ich mich T gegenüber richtig mies. Wieder mal hatte er verdammt viel für mich getan – mich erneut „gerettet“ (oder es zumindest versucht) und mein Verhalten zeugte nicht gerade davon, dass ich das zu schätzen gewusst hätte. Dabei wusste ich das sehr wohl. Aber ich wurde das ekelhafte Gefühl einfach nicht los. Ich stellte mich eine halbe Stunde unter die Dusche, in der Hoffnung, einfach alles abwaschen zu können, auch das half mir nicht. Die Tränen liefen mir nur so übers Gesicht.
T sagte dann etwas, was mir zumindest half, mich selbst ein bisschen zu verstehen. Er meinte, ich solle mir mal keine Sorgen um ihn machen, mein eigentliches Problem wäre vielmehr, mich selbst wertzuschätzen. Und damit hatte er recht. Ich kann weder ihm, noch meinem Bruder oder sonst wem die Schuld geben, dass ich mich an dem Abend allein gefühlt habe. Fakt ist, dass es so war. Ich war enttäuscht und traurig, dass mein Bruder nicht bleiben konnte, ich fühlte mich einsam, als T mich in sein Bett legte, aber die Wohnung wieder verließ. Ich fühlte mich einsam und zurückgewiesen und wollte um jeden Preis Bestätigung erfahren.

Mehr Selbst, mehr Wert!

Ich war T sehr dankbar für diesen Denkanstoß und auch so für alles, was er mal wieder für mich getan hatte. Als ich meinte, er brauche sich nicht zu wundern, dass ich mich immer wieder in ihn verliebe sagte er nur: „Verlieb dich erstmal in dich selbst!“
Die Wahrheit dieser Aussage hat mich getroffen. Er traf damit den Nagel auf den Kopf. Ich spreche hier die ganze Zeit von Liebe und Gefühlen und Wertschätzung. Und ich weiß, wie wichtig es ist, mich selbst zu lieben, nur schaffe ich es im Moment mal wieder so gar nicht. Keine Ahnung, was ich mir getan habe, dass ich mir selbst so zuwider bin. Fakt ist, die Aktion von Samstagnacht macht es nicht besser – im Gegenteil.

Irgendetwas brodelt in mir – mal wieder. Ich glaube, es ist wirklich so etwas wie Einsamkeit, die ich spüre – einsam unter tausenden von Menschen. Die Selbstliebe, dich ich bis vor kurzem noch so deutlich spüren konnte, ist gerade irgendwo ganz weit weg.
Es ist ein Teufelskreis und zeigt mir mal wieder, wie sehr ich doch nach wie vor von der Aufmerksamkeit anderer abhängig bin.
Ich sage nicht, dass ich nicht fähig bin, mich selbst zu lieben, aber bei Enttäuschungen oder Rückschlägen, bin ich zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht besonders gut in der Lage, mich (auf)zu fangen und mir mit meiner Liebe zu mir selbst genug zu sein.
Es kommt gerade einfach wieder ziemlich viel zusammen: die Scheidung, die Sache mit T… Und ich nehme mir zu wenig Zeit, diese Dinge richtig zu verarbeiten.

Aber eins habe ich mittlerweile gelernt: Es ist keine Schande, auch mal eine schlechte Phase zu haben. Solche Phasen kommen und gehen und es wird definitiv demnächst wieder besser laufen. Was ich noch lernen muss: mich nicht jedes Mal versuchen selbst zu zerstören.

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