Der weibliche Zyklus

Der weibliche Zyklus ist für viele ein Mysterium. Ich habe mich selbst jahrelang kaum damit auseinander gesetzt, weil ich über 12 Jahre hormonell verhütet habe, alles sozusagen ferngesteuert und nicht wirklich natürlich lief. Natürlich hatte ich die üblichen Beschwerden, wie Regelschmerzen, Kopfschmerzen, aufgeblähtes Gefühl etc. Aber das nahm ich alles eben so hin, weil es eben so sein müsste. Ich setzte letztendlich die Verhütung ab, als ich und mein (Ex-)Mann ein Kind bekommen wollten. Zudem hatte ich mittlerweile viele Horrorgeschichten über hormonelle Verhütung und die Folgen für den weiblichen Körper gelesen. Ich hatte Hoffnung, dass es mir insgesamt besser gehen würde ohne diese ganzen Hormone. Nach dem Absetzen hatte ich fast ein Jahr lang gar keine Periode. Was zunächst noch unregelmäßige Schmierblutungen waren, blieb irgendwann gänzlich aus. Das war einerseits entspannt, da ich in der Zeit ohnehin viele Dates und viel Sex hatte und mich so nicht nach meinem monatlichen Rhythmus richten musste. Zudem konnte ich (leichtsinniger Weise) auch ab und an mal das Kondom weglassen, was im Nachhinein gesehen wirklich ziemlich fahrlässig war. Anderseits war das auch beängstigend, da ich wusste, irgendwie funktioniert mein Körper gerade nicht richtig. Ich ging natürlich zum Frauenarzt, der zunächst PCO vermutete. Da ich keinen akuten Kinderwunsch hatte, war das zunächst nicht weiter schlimm, hätte aber, wenn es sich bestätigt hätte, behandelt werden müssen. Ich ließ dann einen Hormonstatus machen, der lediglich leicht auffällige Schilddrüsenwerte aufzeigte. Ich sollte mehr Jod zu mir nehmen und weiter abwarten. Es sei nicht ungewöhnlich nach all dem Stress, den so eine Trennung und Scheidung mit sich bringt, dass die Periode auf sich warten lässt. Außerdem braucht der Körper nach so langer Zeit der hormonellen Belastung eine Weile, um sich wieder komplett zu regenerieren.
Ich übte mich also in Geduld. Und siehe da, als sich gegen Ende letzten Jahres alles langsam wieder beruhigte und einpendelte, bekam ich zum ersten Mal wieder meine Periode. Lustiger Weise genau einen Tag, nachdem ich mich vom Koch getrennt hatte. Wenn das kein Zeichen war. Und ich habe mich im Leben noch nie so darüber gefreut.

Nun war es natürlich bei Weitem nicht, was andere Frauen als Regelblutung bezeichnen würden. Leise, schüchtern und nur wenige Tage machte es sich bemerkbar. Ich will mich auch gar nicht beschweren. Immerhin bekomme ich seitdem alle 28 bis 35 Tage eine leichte Blutung. Die Normalität kehrt wieder ein.

Seitdem halte ich alles wieder in meiner Zyklusapp fest. Und es ist erstaunlich, welche körperlichen und psychischen Merkmale sich innerhalb eines Zyklusses feststellen lassen. Ich nehme zum Beispiel zyklusbedingte Stimmungsschwankungen viel bewusster wahr. In Woche 2 und 4 bin ich viel reizbarer und unausgeglichener. Zudem neige ich in der Zeit vermehrt zu Wassereinlagerungen. Um den Eisprung herum und kurz bevor meine Regelblutung einsetzt, habe ich außerdem öfter Heißhunger und viel mehr Lust auf Sex als normaler Weise. In Woche 3 dagegen macht sich eher Unlust breit und ich bin allgemein weniger motiviert als sonst. Das wirkt sich auch auf meine Stimmung bei Dates aus. Je nach Zyklusphase bin ich dafür offener oder eben weniger offen.

Wenn meine Blutung dann einsetzt, geht es mir schlecht. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Völlegefühl und Blähungen sind an der Tagesordnung. Zudem fühle ich mich müde und abgeschlagen.
Die beste Zeit ist eigentlich kurz vor dem Eisprung. Da habe ich meist sehr viel Energie und könnte Bäume ausreißen. Letztens habe ich ihn sogar mal ganz deutlich gespürt mit einem fiesen Ziehen im Unterleib. Ich fand es großartig. Es ist toll, den Körper zu beobachten und zu spüren, wie die Natur funktioniert.
Das ist nur einer von vielen Gründen, wieso ich nicht mehr hormonell verhüten möchte. Es fühlt sich jetzt alles viel natürlicher an. Außerdem hatte ich früher schlimme depressive Phasen. Momente, in denen ich nur heulen wollte und den Grund nicht kannte. Sicherlich kamen da weitere Faktoren hinzu. Aber ich merke, dass diese Phasen mittlerweile sehr viel seltener und weitaus weniger schlimm sind. Und wenn es mir schlecht geht, dann weiß ich wenigstens auch warum.

Die Frage, die ich mir nun manchmal stelle ist: Bin ich Sklave meines Zyklus?
Gut, zum einen wäre es leicht zu sagen „Ich kann ja nichts dafür, es liegt an meinem Zyklus“. Andererseits finde ich, dass dieses Thema immer noch sehr tabuisiert wird. Ja, ich bin abhängig von meinem Zyklus. Meine körperliche und mentale Verfassung verändern sich im Laufe des Monats. In manchen Phasen bin ich weit weniger leistungsfähig. Wenn ich Schmerzen habe oder mich einfach extrem unwohl fühle in meinem Körper, schaffe ich im Job und auch privat viel weniger. Aber nimmt darauf jemand Rücksicht? Kann ich zu meinem Chef oder in einem Kundentermin sagen: Sorry, ich bin grad zyklusbedingt überhaupt nicht auf der Höhe? Nein, natürlich nicht, weil die meisten mich komisch ansehen und so eine Aussage als äußerst unangebracht empfinden würden. Was geht die denn mein Zyklus an?!
Aber eigentlich ist das schon ziemlich unfair. Männer haben solche Probleme nicht. Und wir verstecken uns, verschweigen es und versuchen jeden Tag gleich zu funktionieren. Aber das geht eben nun mal nicht. Und da habe ich noch vergleichsweise geringe Beschwerden. Andere Frauen können tagelang nicht aufstehen, haben extreme Schmerzen und schlimme Blutungen.

Ich bin für mehr Offenheit bei diesem Thema und für mehr Selbstverständlichkeit. Ich möchte offen darüber sprechen können, weil es ein Teil von mir ist. Weil es Teil der Menschheit ist. Ohne den weiblichen Zyklus gäbe es kein Leben.
Ich bin froh, dass ich mit meinen männlichen Bekanntschaften darüber sehr offen sprechen kann. Dass ich offen sagen kann, wenn es mir nicht gut geht, oder auch wenn ich mal extrem horny bin. Es ist alles natürlich. Es passiert auch mal, dass man von einer Blutung überrascht wird, gerade dann, wenn man keinen exakten 28-Tage-Zyklus hat, den einem die Pille antrainiert. Da kann es auch mal Flecken auf dem Laken geben. Und ist das peinlich? Nein, das sollte es einfach nicht sein. Auch wenn viele Männer sich (verständlicher Weise) vor Periodenblut ekeln. Ich muss aber auch sagen, dass ich, wenn ich voll drin bin, auch keinen Sex haben möchte.

Ich bin froh, dass das Thema in den letzten Jahren weitaus salonfähiger geworden ist – auch was Nachhaltigkeit angeht. Studien besagen, dass Frau im Leben zwischen 10.000 und 17.000 Hygieneprodukte nur für die Periode verbraucht. Wisst ihr, wie viel Müll das ist? Zum Glück gibt es mittlerweile Menstruationstassen und Stoffbinden, die zum einen die Umwelt und zum anderen den Geldbeutel schonen. Außerdem sind diese Tassen weit weniger gesundheitsgefährdend als Tampons 8so liest man es zumindest). Zudem sorgen sie nicht dafür, dass ich während der Regelblutung austrocknne und machen – mir zumindest – auch die Schmerzen erträglicher. Seit ich meine Tasse habe, merke ich viel weniger von der Blutung, allein schon deswegen, weil ich nicht alle zwei Stunden aufs Klo zum Wechseln muss.

Ich weiß Leute, dieses Thema ist nicht gerade unglaublich sexy, aber es gehört nun mal auch zu meinem Leben – zum Leben jeder Frau. Und deswegen war es mir ein Bedürfnis, dem hier Raum zu geben.

 

3 Gedanken zu “Der weibliche Zyklus

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