Das Kinder-Thema

Ich hatte in einem meiner ersten Beiträge schon einmal erwähnt, dass ich in einer sehr heilen Familie groß geworden bin, was ich sehr schätze. Die meisten sind in festen, monogamen Beziehungen und/oder verheiratet, haben Kinder, oder wollen irgendwann welche bekommen. Es wurde mir immer so vorgelebt und somit habe ich mir diese Werte auch angenommen und diese „Lebensziele“ zu meinen Zielen gemacht. Jetzt bin ich fast 30 und stelle fest, dass ich genau das erreicht habe, was ich nicht wollte. Ich werde nächstes Jahr auf meine 20er zurückblicken und dann steht da: kinderlos, einmal geschieden.

Vor einem Jahr, nämlich genau als mein (Ex-)Mann mich verlassen hat, war ich über diese Tatsache unendlich traurig. Ich hatte immer wieder den Gedanken, dass ich es wirklich verkackt habe. Dass ich alles, was ich immer wollte, verloren habe. Die Hochzeit war mein absoluter Glücksmoment. Ich dachte, jetzt ist mein Leben perfekt. Ein Kind hätte es noch perfekter gemacht. Ich habe alle Kriterien erfüllt, ein glücklicher Mensch zu sein, so wie meine bisherigen Werte es mir sagten. Aber: das war damals. Heute denke ich darüber ganz anders. Ich bin im letzten Jahr oft an diesem Gedanken verzweifelt. Aber jetzt  -mit etwas Abstand – sieht die Welt für mich ganz anders aus. Mir ist klar geworden, dass ich dieses ganze Heile-Familie-Ding und das Kinder-Thema nur an dieser Beziehung festgemacht habe. Ich hatte einen Partner, mit dem ich mir vorstellen konnte, sesshaft zu werden, Kinder zu bekommen etc. Obwohl das ja auch nur eine Lüge war, aber ich habe sie eben geglaubt.

Natürlich habe ich auch vorher über das Kinderkriegen nachgedacht. Aber auch in den Jahren, bevor ich ihn kennenlernte, in denen ich lange Single war, hatte ich oft den Gedanken, dass ich das gar nicht unbedingt brauche. Ich mag Babys und Kinder im Allgemeinen, aber ich kann mir beim besten Willen nicht so richtig vorstellen, selbst welche zu haben. Oder besser gesagt: ich spüre in mir nicht das Bedürfnis. Ich kenne Frauen, die sagen, sie wollen unbedingt ein Kind, unabhängig davon, ob ein Partner dazu da ist, oder nicht. Auch das kann ich verstehen. Diesen Wunsch habe ich nicht. Ich kann mir ein Leben ohne Kinder wunderbar vorstellen. Ich liebe meine Unabhängigkeit und meine Freiheit. Sicherlich spielt da auch die Tatsache mit hinein, dass ich im Moment keinen festen Partner habe. Ich will aber auch gar keinen. Mir macht gerade alles, was zu sehr mit Gefühlen zu tun hat, Angst. Denn Gefühle bedeuten, ich könnte wieder verletzt werden und ich könnte wieder jemanden verlieren. Insofern kann ich mir gerade auch nicht vorstellen, mich in den nächsten Jahren wieder auf eine „feste Beziehung“ (poly oder mono) einzulassen. Ich will lieber noch ein bisschen von dieser Freiheit genießen. Nun bin ich nicht so, dass ich Angst habe vor der bösen biologischen Uhr, aber die Option an sich, mit Ende 30 oder 40 noch Mutter zu werden, ist für mich nicht sonderlich attraktiv. Das ist mir dann auch irgendwie zu spät. Wenn ich zusätzlich bedenke, dass ich aktuell meist Männer um die Mitte 30 treffe, dann wären die dann Anfang/ Mitte 40. Nein, das muss nicht sein.

Warum ich auf das Thema komme? Ich hatte letztens mit meinen Eltern ein Gespräch darüber. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr ganz genau, wie wir darauf kamen. Natürlich wünschen sich meine Eltern irgendwann Großeltern zu werden. Das kann ich gut verstehen. Aber auch hier sind die Voraussetzungen (nüchtern betrachtet) gar nicht optimal. Ich in Berlin, drei Stunden Fahrt bis in die Heimat… Das sind natürlich „Hindernisse“, die man überwinden kann. Dennoch sehe ich das als weiteren Kontrapunkt.
Nun sind meine Eltern auf keinen Fall so, dass sie sagen „Aber Kind, das wird schon, du findest den Richtigen“ und versuchen, mich in irgendeine Richtung zu drängen. Auch, wenn sie andere Werte haben, respektieren sie meine Einstellung. Meine Mama schaute zwar etwas traurig, aber es ist nun mal meine Entscheidung (und ein bisschen die des Schicksals).

Was ich bei dem Gespräch toll fand, ist dass mein Vater sagte, es wäre ja auch vollkommen okay, keine Kinder haben zu wollen, was viel wichtiger wäre, dass man einen groben 5-Jahresplan hat. Dass man zumindest für sich selbst mal überlegt und definiert, was einem wichtig ist. Und da gebe ich ihm vollkommen recht. Vor ein paar Monaten war ich mir noch sehr unsicher, was natürlich daran liegt, dass ich selbst erstmal einiges für mich sortieren musste. Aber so langsam nimmt dieser 5-Jahresplan Form an. Ich will mich weiter um meine Karriere kümmern, mich in den nächsten Jahren beruflich etwas verändern, meinen Horizont erweitern. Ich will außerdem noch so viel erfahren und ausprobieren in Sachen Polyamorie und BDSM. Ich will weiterhin auf Dates gehen und tolle, neue Leute kennen lernen. Ich will weiterhin feiern. Und ich möchte noch ganz viel reisen, egal ob allein oder in Gesellschaft. Zum einen muss ich mich gerade nach niemandem richten. Zum anderen bin ich seit der Trennung auch so langsam endlich finanziell unabhängig und kann mir auch mal einen schönen Urlaub leisten. Es gibt so vieles, worauf ich in den fünf Jahren verzichten musste. Das will ich jetzt nachholen.

Ich sage nicht, dass Pläne sich nicht auch wieder ändern können. Ich bin mittlerweile Meister darin, Pläne über den Haufen zu werfen. Wenn ich mit manchen Freunden über das Thema rede, kommen Argumente wie „Du ist ja auch grad Single, das kann sich alles wieder ändern“. Ich weiß! Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich jetzt auf dem für mich richtigen Weg bin. Ich glaube manchmal, dass ich mir jahrelang eingeredet habe, diese Ziele zu haben, weil es mir eben so vorgelebt wurde. Aber rückblickend hatte ich schon immer eher den Hang zur Freiheit, auch mal verrückt sein und über die Stränge schlagen. Und mit diesem Gedanken fühle ich mich jetzt sehr wohl. Ich fühle mich authentisch und zufrieden. Sicherlich ist nicht alles perfekt, aber ich habe das Gefühl, mein ICH endlich wieder definiert zu haben.

 

 

4 Gedanken zu “Das Kinder-Thema

  1. So wichtig, dass Du Dir den Raum nimmst. Vor allem auch, dass Du offen bist „neu zu überdenken“. Ich mag Deine Art zu schreiben und verfolge Deine Blogs mit Neugierde. Danke für Deine Neugierde dem Leben gegenüber und danke für’s Teilen!

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