Was wir wollen… (und was nicht)

Nein, dies wird kein neuer anrüchiger Sexbeitrag. Ich möchte mich heute einem ernsten Thema widmen, welches in der Gesellschaft leider immer noch als Tabu gilt: Sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung. Angeblich wurden drei Viertel der Frauen und ein Viertel der Männer im Erwachsenenalter schon einmal sexuell belästigt. Die Dunkelziffer ist sicher bei Weitem höher. Die meisten Opfer sprechen über dieses Thema nicht. Sexuelle Belästigung beginnt bei einem scheinbar harmlosen Hinterherpfeifen, geht weiter bei unangebrachten Kommentaren, vermeintlich zufälligen Berührungen, bis hin zu körperlichen Übergriffen und Vergewaltigung. Jedes Sexuelle Verhalten, welches gegen den expliziten Willen passiert, ist eine Straftat – das sollte jedem bewusst sein!

Ich habe es selbst erlebt und denke schon eine ganze Weile darüber nach, das hier in diesem Rahmen zu thematisieren. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich insgesamt viel zu lange darüber geschwiegen habe. Immerhin prägen diese Erlebnisse meine Beziehungswelt nachhaltig.
Ich glaube, es gibt unzählige Situationen, die man bereits der Kategorie „Sexuelle Belästigung“ zuordnen kann. Zu uns ins Büro kommt bspw. regelmäßig ein Postbote, dessen anzügliche Blicke und komische Kommentare ich als äußerst unangebracht empfinde. Es passierte mir auch schon, dass ein Autofahrer mich grundlos Schlampe nannte, nur weil ihm nicht passte, dass ich mit dem Rad auf der Straße fuhr. In einer anderen Situation vor vielen Jahren war ich mit meinem Bruder in der Straßenbahn unterwegs und neben uns holte sich ein Typ einen runter. Auf dem Festival letztes Jahr wollte mich ein Betrunkener angrapschen und wurde plötzlich ausfällig und beleidigend, als ich ihm klar machte, dass das absolut nicht meinem Willen entspricht. Ich könnte noch ein bisschen so weiter machen. Aber ich denke es wird klar, dass sexuelle Belästigung und Schlimmeres ständig passiert…in jeder Sekunde.

Als ich das erste Mal mit dem Thema in Berührung kam, wusste ich noch gar nicht was Sexualität überhaupt bedeutet. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie alt ich war, als es begann, dass ein männliches Familienmitglied beim „Spielen“ Dinge tat, die eindeutig eine Grenze überschritten. Das ging eine ganze Zeit so – mehrere Jahre. Ich merkte zwar immer, dass mir dabei unwohl war und ich meine „Zustimmung“ nur widerwillig gab, aber es dauerte bis zur Pubertät, bis zu dem Zeitpunkt, als ich selbst anfing, mich mit meiner Sexualität auseinander zu setzen und sie kennen zu lernen, als ich endlich verstand, dass das, was da jahrelang passiert war, absolut NICHT RICHTIG war. Die Erkenntnis traf mich quasi über Nacht. Zu dem Zeitpunkt gab es (meiner Erinnerung nach) diese Übergriffe nicht mehr. Was vielleicht auch daran lag, dass er schon länger nicht mehr in unserer Stadt wohnte und wir uns nur noch sehr selten über den Weg liefen. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit dieser Erkenntnis anfangen sollte. Ich vertraute mich daher meinem damaligen Freund an und fand so eine erste Anlaufstelle, die Dinge ansatzweise zu verarbeiten oder viel mehr erst einmal zu realisieren. Zudem fühlte ich mich zu der Zeit von allen Seiten mit dem Thema konfrontiert und war komplett überfordert. Meine Freunde nahmen mich zu der Zeit kaum ernst mit dem Thema. Ich hatte unglaubliche Schuldgefühle, vor allem meiner Familie gegenüber und war mir sicher, dass ich niemals ein Wort darüber würde verlieren können. Durch einen (un-) glücklichen Zufall kam dann doch alles heraus und mein erster Gedanke war „Mist, jetzt bekomme ich Ärger“. Ich hatte wirklich Angst.
Natürlich bekam ich keinen Ärger, aber leicht war es nicht, über all das mit meinen Eltern zu sprechen. Zumal sie dieser Person vertraut hatten. Dennoch taten die das einzig Richtige und brachen den Kontakt zu diesem Familienmitglied ab. Der Rest der Bewältigungsstrategie lautete: Verdrängung. Leider war das für mich einfach unmöglich. Ich kann nicht einmal genau beschreiben, was in mir vorging, aber es mir ging deswegen wochenlang einfach hundeelend. Ich denke, es waren nach wie vor die Schuldgefühle, die an mir nagten. Obwohl es dafür keinen Grund gab. Bis ich das allerdings wirklich verinnerlichen konnte, dauerte es noch ein paar Jahre. Eine Zeitlang vertraute ich mich meiner Mama an und schrieb ihr Briefe, sie konnte mir zumindest Trost spenden. Wirklich darüber reden konnte ich lange nicht.
Dann versuchte ich selbst, es zu verdrängen, doch es holte mich immer wieder ein in Gedanken und in immer gleichen Träumen.
Die Option mich direkt mit IHM darüber auseinander zu setzen, lehnte ich damals kategorisch ab. Allein die Vorstellung, ihm gegenüber zu treten, ließ mich panisch werden. Allerdings habe ich später immer mal wieder darüber nachgedacht. Im Grunde ist es dafür nie zu spät.

Als ich in Dresden studierte, suchte ich mir endlich eine Therapeutin, weil ich mir mittlerweile eine Menge Dinge angewöhnt hatte, um die Angst vor dem erneuten Kontrollverlust irgendwie in den Griff zu bekommen, die mir wiederum auch nicht gut taten. Die Therapie half mir sehr gut. Zumindest hatte ich das Gefühl, sie leitete das Verarbeiten der Erinnerungen endlich richtig ein. Ich begriff und verinnerlichte zum ersten Mal, dass ich KEINE Schuld hatte an dem, was passiert war. Und ich versuchte, einen Weg zu finden, damit umzugehen. Ich kann niemals die Erinnerungen auslöschen, sie begleiten mich Tag für Tag. Mein Weg ist, nicht mehr über dieses Thema zu schweigen. Sondern es offen anzusprechen, wenn es die Situation erfordert. Es gab auch schon sexuelle Begegnungen mit Männern, in denen ich merkte, dass bestimmte Sachen mich triggern. Und ich habe ihnen erzählt, wieso das so ist. Wie sollten sie denn sonst auch wissen, was okay ist und was nicht. Ich denke, dieser Schritt hat mich mehrere Male vor weiteren unschönen Situationen bewahrt. Auch, wenn ich mir dessen bewusst bin, dass Männer davon auch leicht abgeschreckt werden können. Auch ihnen fällt es schwer, mit soetwas umzugehen. Es bracht viel Vertrauen. Das ist auch ein weiterer Grund, wieso ich kein großer Fan von ONS und oberflächlichen Beziehungen bin.

Einen gravierenden Unterschied macht es, wenn ungewollte sexuelle Übergriffe mit Menschen passieren, die einen eigentlich lieben und man der Meinung ist, dass man sie auch liebt. Genau diese Gefühle haben in meinen beiden letzten Beziehungen dafür gesorgt, dass ich Dinge über mich habe ergehen lassen, die ich bei einem Fremden nicht mal ansatzweise hätte zulassen können.

Mein (Ex-) Mann war oft sehr wütend und aufbrausend. Und ich denke, manchmal wusste er sich einfach nicht anders zu helfen. Dass soll nichts entschuldigen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nach einem Streit oder Auseinandersetzungen immer wieder meiner vergewissern musste. Indem er mit mir schlief, musste er sich keine Schuld eingestehen und sich nicht entschuldigen. Er zeigte mir so seine „Zuneigung“ und Verbundenheit (und vor allem auch seinen Besitzanspruch) und es gab ihm wohl auch eine Art Rückversicherung. Solange wir noch miteinander schliefen, war alles gut. Es gibt genau drei konkrete Situationen, an die ich mich erinnern kann, wo das der Fall war. Komplett emotionslos nahm er sich, was er wollte, es ging ausschließlich um seine Bedürfnisse. Ich nahm es hin, ich habe es nie thematisiert, weil mir klar war, dass er sich und mir das nie würde eingestehen können. Und es sorgte dafür, dass dann alles wieder „in Ordnung war“. Vielleicht hat er auch deswegen eine offene Beziehung abgelehnt, weil er dieses Ventil dann nicht mehr gehabt hätte.

Auch die Beziehung zum Koch eskalierte letzten Endes aufgrund dessen, dass er mit mir schlief und mich zu Dingen drängte, die ich eigentlich überhaupt nicht wollte, kein bisschen auf mich Rücksicht nahm oder auf meine Bedürfnisse einging. Ich fühlte mich dreckig, ich hatte Schmerzen und weinte in die Kissen, ohne dass er es bemerkte. Vielleicht wollte er es auch gar nicht bemerken. Erst einen Tag später wurde mir bewusst, was da in meinem Bett passiert war. Und wieder machte ich mir Vorwürfe, weil ich nicht eindeutig Stop gesagt habe, weil ich einfach gar nichts gesagt habe. Trotzdem war ich diesmal konsequenter. Wenn ich bis dahin noch Zweifel hatte, ob ich nicht doch lieber hätte bei ihm bleiben wollen, dann hat mir das die Entscheidung sehr leicht gemacht. Welchen Grund es dafür auch immer gab, das hatte für mich nichts mit Liebe zu tun. Ich habe es ihm auch in unserem letzten Gespräch gesagt. Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht.

Nun kann man sich natürlich hinstellen und sagen: Selbst Schuld. Immerhin haben wir nicht immer nur Blümchensex gehabt und in Richtung BDSM eine ganze Menge ausprobiert…Dinge die wirklich grenzwertig waren. Aber man muss hier einfach ganz klar differenzieren. BDSM hat sehr viel mit Vertrauen, Macht und Kontrolle zu tun. Sobald einer die Kontrolle verliert oder Dinge plötzlich nicht mehr einvernehmlich passieren, werden Grenzen überschritten. Und dann ist der Übergang zur Vergewaltigung im Grunde nahtlos. Und das sollte jedem – egal ob Mann oder Frau – klar sein.

Ich schreibe das hier nicht, weil ich von irgendwem Mitleid möchte. Trotz (und vielleicht auch ein bisschen wegen) all der Sachen, die ich erlebt habe, habe ich ein tolles Sexleben und liebe meine Sexualität. Vielleicht haben gerade diese Ereignisse mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich möchte hier lediglich darauf aufmerksam machen, dass – so schmutzig die Spielchen auch sein sollten – Respekt vor den Wünschen und Bedürfnissen des anderen an aller erster Stelle steht. Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mut finden, mit diesem Tabuthema zu brechen.

Ich selbst habe immer noch oft mit dem Thema Kontrolle/Kontrollverlust zu kämpfen und werde das in meiner bevorstehenden Therapie versuchen aufzuarbeiten. Ich habe noch lange nicht genug über all diese Dinge gesprochen und hoffe, ich kann anderen damit Mut machen, sich ebenfalls zu öffnen.

8 Gedanken zu “Was wir wollen… (und was nicht)

  1. Das Problem ist die Moral. Würden sexuelle Übergriffe das Opfer nicht so dermaßen subtil abwerten und damit mit schuldig machen – so fühlen es Betroffene ja, dass sie schuldig seien und beschämt sind – würde damit offener umgegangen und dem auch mehr vorgebeugt werde. Ein offener selbstbewusster Umgang mit Sexualität nimmt dem Übergriff die entwertende Macht. Dann ist er ein gewalttätiger Übergriff – aber keine Schande für das Opfer.

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