Gedankenkreise

Nun bin ich bald eine Woche wieder zurück in Berlin und ich muss sagen, die Eingewöhnung fiel mir nicht so leicht. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper, als ich aus dem Zug stieg. Mittlerweile bin ich wieder ganz gut hier angekommen und schaffe es auch tatsächlich, die Dinge viel entspannter anzugehen. Klar, das klappt nicht immer, aber es ist gut zu wissen, dass dieses Gefühl, dass sich etwas in mir verändert hat und für mehr innere Ruhe sorgt, nicht nur eine Urlaubserscheinung war.

Dennoch mache ich mir viele Gedanken um mein Leben, mein Ich und meine Beziehungen. Seit ich zurück bin, habe ich verstärkt das Gefühl, unabhängig sein zu wollen, frei, ohne Verpflichtungen. Einfach, weil ich es kann und weil ich es mag. Was hier und da dazu führt, dass ich mich zurückziehe und mich von Dingen distanziere, die mir nicht gut tun. Dazu kommt zugleich ein starker Wunsch nach Veränderung. Nachdem ich mich innerlich doch – meiner Meinung nach – stark verändert habe, wächst das Bedürfnis, dem auch mein äußeres Ich anzupassen, mich sozusagen mehr und mehr zu individualisieren. Das mag jetzt für den ein oder anderen vielleicht etwas banal klingen, aber ich startete das Projekt „Optisches Ich“ vor einigen Wochen mit neuen Ohrlöchern, es folgte ein Piercing und diese Woche habe ich mich tatsächlich getraut und mir mein erstes Tattoo stechen lassen. Es war gar nicht so schlimm wie ich dachte, aber meine beste Freundin hat mir auch stark die Hand gehalten. Und ich muss sagen, ich bin sehr zufrieden, um nicht zu sagen glücklich. Vor allem weil der Notenschlüssel ein Symbol ist, mit welchem ich mich immer werde identifizieren können.

Trotz der neu gewonnenen inneren Ruhe, kommt manchmal aber auch die laute Ruhe in mir zurück. Doch ich habe keine Angst mehr vor ihr. Sie zwingt mich zum Nachdenken und Reflektieren und das ist gut. Ich denke gerade viel über meine Beziehungen nach und irgendwie hat sich das generelle Gefühl dazu seit meinem Urlaub, bzw. seit meiner Rückkehr etwas verändert. Während ich mir diese Gedanken mache, sitze ich in meiner Küche am Fenster und trinke Rotwein, genieße den Zigarettenrauch, der durch den Raum wabert. Was will ich denn eigentlich? Ich will keine komplizierten Beziehungen. Aber gibt es denn einfache Beziehungen? Vielleicht ist es zu bequem, zu sagen, ich will alles einfach haben, ohne Stress, Verpflichtungen und sonstwas. Ich fühle mich gerade etwas betäubt, so als könnte ich im Moment gar keine Liebe geben, vielleicht weil ich all meine Liebe mir selbst gebe. Ein Punkt, der mich wieder darauf kommen lässt, dass ich vielleicht wirklich noch gar nicht bereit bin, mich an einen Menschen dauerhaft zu binden – mit welchem Beziehungsmodell auch immer. Dass ich deswegen vielleicht immer wieder einen Schritt zurück mache, mich zurück ziehe und meine „Einsamkeit“ genieße.
Ich suche nach einer Balance zwischen innerer Ruhe und Action. Klingt irgendwie nach einem hohen Anspruch. Es gab Phasen in meinem Leben, da konnte ich das Alleinsein nicht aushalten und bin daran wirklich zerbrochen und verzweifelt. Dass ich jetzt diese Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit in vollen Zügen genießen kann, ist ein wahnsinnig großer Gewinn für mich. Insofern wird es auch dabei bleiben, dass ich mich nicht nach dem klassischen Beziehungsmodell zurücksehne.

Auf der Feier am letzten Wochenende habe ich mich mit einer alten Freundin unterhalten, die gerade Single ist. Es ging um eben diesen Beziehungsstatus „Single“ und dass dieser für viele Menschen nur so eine Art Zwischenstation darstellt, ein Zustand, der sich wieder ändert oder sogar ändern muss. Als wäre „in einer Beziehung sein“ DAS Erstrebenswerte(ste) im Leben. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass das nicht so ist, zumindest für mich nicht. Wieso auch? Wenn man in der Lage ist, sich selbst genug Liebe zu geben, ist es doch gar nicht nötig, nach mehr zu streben oder gar den Zwang zu haben, sich noch mehr Liebe von einer anderen Person zu holen. Zugleich bin ich überzeugt davon, dass genau diese Fähigkeit eine gute Grundlage für eine Beziehung darstellt, weil man sich dann auch nicht von der Liebe des Anderen abhängig macht und man sicher auch viel entspannter und bedingungsloser Liebe geben kann. Allerdings muss ich eingestehen, dass dieses „mich selbst lieben“ mir grad ziemlich viel abverlangt und ich deswegen nicht so recht in der Lage bin, etwas von dieser Liebe abzugeben. Aber das gehört wahrscheinlich einfach zu diesem Prozess dazu.
Ich persönlich mag den Status „Single“ sehr gern. Und ich möchte mich auch weiterhin als solchen bezeichnen.

Während ich über all das nachdenke, vergeht die Zeit wie im Flug. Eigentlich sollte ich längst schlafen. Und dann will ich ihn plötzlich fragen, ob er zu mir kommt, doch ich kann mich nicht durchringen. Will ich es wirklich, oder ich will mich nur seiner vergewissern? Ich brauche das doch gar nicht. Also entschließe ich mich, weiter allein zu sein. Vor allem, weil ich morgens sehr gern allein bin, meistens zumindest.
Ich zwinge mich, ins Bett zu gehen, doch die Gedanken sind immer noch laut. Die Uhr im Wohnzimmer tickt. Doch diesmal ist sie nicht beruhigend, sie nervt, sie erinnert mich daran, dass die Zeit verstreicht, die Nacht vorüber geht und es nicht mehr lange dauert, bis ich aufstehen muss, bis ich wieder funktionieren muss. Ich funktioniere sehr gut seit ich aus dem Urlaub zurück bin. Aber ich sehne mich zurück zu den einsamen Stunden unter der spanischen Sonne, ohne Verpflichtungen und mit der Freiheit, die Gedanken kreisen zu lassen wann immer ich will.

 

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