Ein letzter Stopp

Die letzte Station auf meiner aktuellen Reise war ein kleines Bergdorf in Baden-Württemberg. Hier haben die Eltern einer langjährigen Freundin ein Haus an einem Berghang, umgeben von Wald und Weinbergen und mit etwas Glück dem Blick bis nach Straßburg.

Diese Freundin kenne ich seit mittlerweile zehn Jahren. Wir haben uns für 8 Monate in Lettland ein Zimmer geteilt. So etwas bleibt natürlich in Erinnerung. Und auch wenn wir uns selten sehen, bleibt diese Verbindung bestehen und auch irgendwie immer etwas besonderes. An diesem Wochenende hat sie ihren 30. Geburtstag gefeiert. Da ich schon einen Tag eher angereist bin, konnte ich sie gemeinsam mit einigen weiteren ihrer Freunde sehr entspannt bei den Vorbereitungen unterstützen. Vom Einkaufen übers Dekorieren bis hin zum Kuchen backen und Salate herrichten gab es einiges zu tun. Und zwischendurch blieb noch jede Menge Zeit für Gespräche mit alten Bekannten oder auch neuen Begegnungen, für einen Mittagsschlaf in der Hängematte und einfach ein bisschen Seele baumeln lassen, fernab von der lauten hektischen Großstadt – ein perfekter Abschluss meiner Reise. Es gab im Nachbargarten sogar Hühner und eine Gans und hinterm Haus den eigenen Bienenstock. Abends wurde gegrillt und geschlemmt. Später sang eine kleine Chorformation Brahmslieder und eine Rap-Gruppe animierte mit ihrer Liveperformance auf der Terrasse zum Tanzen. Danach ließ man den Abend bzw. die Nacht am Lagerfeuer ausklingen.

Trotz einer Menge toller Gespräche muss ich eingestehen, dass es auch anstrengend war. Die Leute waren alle zwar sehr entspannt und uns alle verband eine, wie auch immer geartete, alternative Lebensweise, aber jeder hatte zugleich oder vielleicht auch deswegen ein sehr stark ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis, was anfangs dazu führte, dass ich mich etwas zurück gezogen habe. Zudem hatten die meisten anderen viel stärkere Connections als ich zu irgendwem. Also schwankte ich immer ein wenig zwischen gespanntem Interesse an neuen Gesprächen und leichtem Überdruss, schon wieder meinen Job und meine Biografie erklären zu müssen. Aber so was gehört eben zu solchen Veranstaltungen dazu und einige tolle Unterhaltungen brachte mir meine Geschichte definitiv.

Zwischenzeitlich hatte ich eine ganz kurze Phase der Einsamkeit und wünschte mir vergeblich eine starke Schulter zum Anlehnen, was sich in einer kleinen Panikattacke äußerte. Ich konnte mich aber zum Glück wieder sehr gut fangen. Nach einem kleinen Powernap war alles vergessen und ich fit zum Weiterfeiern. Trotzdem hat mir dieser kleine Ausfall gezeigt, dass (natürlich) noch immer nicht alle Wunden ganz abgeheilt sind. Aber davon lasse ich mich nicht stressen. Es ist wie es ist.

Ich habe mich alles in allem wirklich sehr wohl gefühlt und die Zeit genossen. Noch mehr habe ich es aber genossen, dort allein zu sein und die Chance zu haben, komplett als Individuum wahrgenommen zu werden. Ja, da fragt man sich jetzt natürlich: wieso geht das nicht, wenn man mit Anhang erscheint?! Ich kenne es in solchen Situationen nur sehr selten entspannt. Zumindest war es mit meinem Mann immer recht anstrengend, weil jeder immer irgendwie auf den anderen aufpassen musste und wir nie so richtig nur mal für uns selbst einstehen konnten.

Ich fand es super, mal nur über mich und nicht (bzw. kaum) über Beziehungen zu sprechen. Dazu kommt, dass die meisten die dort waren zwar nicht mit Anhang da waren, aber definitiv vergeben waren. Was bei einigen auch etwas schade war. Die Gespräche drehten sich größtenteils darum, was man beruflich machte oder wo man her kam. Ich fühlte mich zu jeder Zeit im hier und jetzt und habe nichts und niemanden vermisst.

Ich freue mich sehr, dass ich die Chance genutzt und den kleinen Umweg in Kauf genommen habe und so noch etwas Zeit für mich finden konnte. Jetzt kann ich mich auf der Zugfahrt Richtung Berlin auch langsam wieder auf zu Hause freuen und das, was mich dort erwartet.

Wenn ich etwas aus meinem Urlaub mitgenommen habe, dann ist es sehr viel Gelassenheit und ich habe gelernt, die Dinge mal ein bisschen mehr so sein zu lassen wie sie sind, was ja ungefähr ähnlich ist. So kann ich auch dem bevorstehenden Alltag ganz gelassen entgegen sehen und die Dinge einfach geschehen lassen. Den Gedanken, irgendwann (also innerhalb der nächsten fünf Jahre ungefähr) nochmal ins Ausland zu gehen, für längere Zeit, behalte ich mir mir auf jeden Fall bei und werde von Zeit zu Zeit mal wieder darüber nachdenken, wie das konkret aussehen könnte.

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