Laute Ruhe III

Wenn man allein ist, sind sie Abende die schwersten. Aber ich versuche die laute Ruhe in mir zu akzeptieren, zuzuhören. Was sagt sie mir? Bin ich zu naiv? Versuche ich zu verdrängen, was mich beschäftigt? Ich bin hier allein und dennoch glücklich. Aber ist das ein Trugschluss? Lenke ich mich nur von dem ab, was eigentlich noch in mir schlummert?

Ich bin verunsichert. Ich gebe meine Liebe einem Mann. Er macht mich glücklich. Und dennoch kann ich es nicht zulassen, dass er der einzige für mich ist. Ich habe so große Angst, mich ihm vollkommen hinzugeben. Deswegen flüchte ich in andere Beziehungen. Ich habe so große Angst, wieder eine exklusive Beziehung einzugehen. Ist es die Angst vor dem allein sein, die uns, mich und die anderen dazu treibt, in Polygamie zu leben?!

Ich glaube, ich mache mir diese Gedanken gerade nur, weil ich weiß, dass es ihn verletzt, nicht der Einzige zu sein. War ich doch bisher von diesem Konzept so überzeugt. Ich bin es noch jetzt. Doch ihn damit zu verletzen, bricht mir das Herz und ich finde keine Lösung, keinen Ausweg, kann nicht über meinen Schatten springen und alles hinter mir lassen. Ich wiederhole mich sicher, aber Geduld ist wohl nach wie vor das Stichwort. Eine Sache, in der ich so gar nicht gut bin. Eigentlich brauche ich klare Verhältnisse. Wir sind ehrlich und tun uns gut. Er würde alles – oder sagen wir eine ganze Menge – für mich tun. Doch das ist eben noch lange nicht alles. Ich darf mich nicht von diesem „geschmeichelt sein“ Gefühl einnehmen lassen. Doch was hilft einem dabei, die rosarote Brille abzusetzen?! Ich muss dringend klar sehen. Ich will niemanden verlieren, schon gar nicht mich selbst.

Bin ich mit der Vergangenheit eigentlich schon soweit im Reinen? Kann ich überhaupt wieder jemanden so ehrlich lieben? Habe ich das jemals? So viele kamen und gingen… Woran erkennt man die wahre Liebe? Oder sind wir irgendwann einfach nur abgestumpft? Ist es nur der Schatten der Liebe, den wir spüren, weil wir denken zu wissen, wie sich dieses Gefühl anfühlt?

Ich denke zurück an das was war. An meine Ehe. Ich dachte immer, sie wäre perfekt. Doch war sie es ganz und gar nicht. Dieses Jahr steckt so voller Enttäuschungen, voller Schmerz. Trotz all der positiven Erfahrungen ist da unglaublicher Schmerz über das, was ich verloren habe. Denkt er genauso? Fühlt er ebensolche Schmerzen?

Ja, ich bin gestärkt aus dieser Sache gegangen. Ich bin jetzt ein anderer Mensch… Wieder ich. Aber was will ich eigentlich? Wo will ich hin? Welche Ziele habe ich? Ich habe immer Ziele in meinem Leben gebraucht. Doch welche habe ich jetzt und brauche ich das immer noch?

So viele Fragen… Und im Moment keine Antwort. Ich hoffe, ich kann meine Gedanken noch etwas sortieren in den nächsten Tagen. Immerhin arbeiten sie und ich merke es. Aber ich bin noch nicht fokussiert und klar.

Den heutigen Vormittag verbringe ich weiterhin in Ruhe, abseits der hektischen Touristen Hotspots. Ich befinde mich auf einem Berg im Parc del Laberint d’horta. Ein wunderschön angelegter Garten mit einem Labyrinth, kleinen Brunnen und Terrassen. Hier wurden Szenen des Films „Das Parfüm“ gedreht. Hier fällt es mir leicht, etwas vom Trubel der Stadt abzuschalten und meine Gedanken weiter kreisen zu lassen.

Leider bleiben auch hier touristische Schockmomente nicht aus. Muss ein bierbäuchiger, blasser Brite hier wirklich sein Shirt ausziehen? Muss man durch diesen idyllischen Ort mit brennender Zigarette laufen? Ich bin gewiss nicht spießig, aber ich finde auch das hat etwas mit Respekt zu tun. Da fällt mir gleich noch eine Situation ein, die sich vor zwei Tagen ereignete. In einem Park sehe ich eine Gruppe junger Männer, sie sind laut, pöbeln, schreien und veranstalten ein lautes Klingelkonzert mit ihren Fahrradklingeln. Und was höre ich im Vorbeigehen?! Es sind Deutsche. Da habe ich mich wirklich geschämt.

Je länger ich hier sitze und nachdenke, desto mehr genieße ich den Fluss meiner Gedanken. Dabei habe ich die laute Ruhe immer so sehr verflucht. Wahrscheinlich gestehe ich mir im stressigen Alltag diese Ruhephasen einfach viel zu wenig zu. Dann habe ich jetzt zumindest einen Vorsatz, den ich mit nach Hause nehme.

Gerade wird mir klar, dass ich gar nichts tun muss. Es gibt keinen Grund zur Eile, oder Entscheidungen zu treffen. Ich bin sehr glücklich und zufrieden, das wird mir gerade bewusst. Ich mag mich und mein Leben. Ich muss gar nicht ungeduldig warten, um irgendein Ziel zu erreichen. Denn genau das würde bedeuten, dass es nicht stetig weiter geht und Dinge sich entwickeln. Der Weg ist mein Ziel und ich möchte niemals ankommen.

Ironischer Weise bin ich tatsächlich gerade eine halbe Stunde durch das Labyrinth geirrt, habe mich immer wieder in Sackgassen verfangen, bin umgekehrt. Und dennoch habe ich letztendlich einen Ausweg gefunden. Und wisst ihr, wen man in der Mitte des Irrgartens findet? Eros, den griechischen Gott der Liebe. Wenn das nicht mal ein schöner metaphorischer Abschluss des heutigen Beitrags ist. Ich verlasse den Berg mit einem zufriedenen und glücklichen Grinsen.

2 Gedanken zu “Laute Ruhe III

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