„Alltägliche“ Erkenntnise – besser spät, als nie

Neben all den aufregenden und bewegenden Dingen, die so eine Trennung mit sich bringt, gibt es auch so allerhand Banales, was sich in meinem Leben gändert hat. Dabei stelle ich mir erschrocken die Frage: War ich wirklich so abhängig von (m)einem Mann?

Zunächst mal besteht die entscheidende Veränderung ja darin, dass ich nun wieder allein lebe und meinen eigenen Haushalt führen und schmeißen muss.
Dinge, die man sich vorher wunderbar aufteilen konnte, bleiben nun also einzig und allein an mir hängen.
Das klingt jetzt erstmal komisch, aber ich habe mich sehr daran gewöhnt, dass er den Wocheneinkauf mit dem Auto erledigte, den Pfand wegbrachte und eben alles machte und besorgte, was einem zu Fuß oder auf dem Fahrrad schwer fällt.

Das ist manchmal schon ein Problem. Vor allem, wenn ich mal etwas mehr einkaufen muss (mehrere Flaschen Rotwein zum Beispiel). Andererseits bin ich jetzt sehr viel freier, was diese Entscheidungen angeht.
Jeden Sonntag haben wir uns hingesetzt und einen Einkaufszettel geschrieben, Prospekte gewälzt und nach Angeboten gesucht. Da ich für mich allein nicht viel brauche und auch keinen großen Elan zum Kochen habe, bin ich jetzt sehr flexibel.
Mein Einkaufszettel sieht dann in etwa so aus:

Erdnüsse (3x)
Wein (rot/weiß)
Oliven
Klopapier

Ist recht simpel und müsste eigentlich nicht mal aufgeschrieben werden.

Neben den Dingen, die er übernommen hat, haben wir uns die restlichen Aufgaben im Haushalt geteilt. Also Wäsche waschen, saugen, Badputzen, Abwasch…
Das war einerseits entspannt, hat aber irgendwie auch Druck aufgebaut. Wir haben uns nie darüber gestritten, aber es gab immer den Gedanken, wer macht wie viel und wann und dann muss man ja auch noch diese „Quality Time“ haben.

Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch in meinen vier Wänden und mache es mir daher leicht, die Bude in Ordnung zu halten. Und mittlerweile – ich bin stolz auf mich – kann ich auch einfach mal alle Viere gerade sein lassen, wenn ich einfach mal keinen Bock auf Staubsaugen oder Pfand wegbringen habe… oder es einfach nicht schaffe. Wen juckts?

So habe ich in den mittlerweile zwei Monaten in meinem neuen Reich für mich einen guten Rhythmus gefunden. Es war auch ein Teil des „Zu mir selbst Zurückfindens“. Ich liebe die Unabhängigkeit, die damit einhergeht. Jetzt wird sich hier vielleicht der ein oder andere fragen, wieso das so viel Bedeutung hat?!
Ich war verdammt abhängig von diesem Mann, das wird mir jetzt erst klar. Alles musste bis in kleinste Detail besprochen werden. Es war irgendwie nicht entspannt und selbstverständlich. Er wünsche sich Anerkennung, für alles was er tat, tat er es doch nur, um mir „Arbeit abzunehmen“. Ist das noch großmütig oder einfach nur egoistisch, ein Schrei nach Aufmerksamkeit und Lob?!

Nachdem wir zum zweiten Mal zusammen gezogen waren, bildeten wir uns ein, wir würden jetzt alles so viel besser machen. Schon in unserer ersten Wohnung, mit dem ersten gemeinsamen Alltag hatten wir mit diesen alltäglichen Aufgaben so unsere Probleme. Ich habe mir immer etwas mehr Lockerheit, ja eine gewisse Selbstverständlichkeit bei dem Thema gewünscht. Muss ich über den Abwasch ewig diskutieren? Wieso nicht einfach machen, ohne eine Pro- und Konta-Liste zu erstellen. Ja, ihr könnt lachen, aber so war es.

Wir haben viel Zeit damit verbracht über banales zu argumentieren. Sind deswegen die wichtigen Dinge, die Probleme (unsere und auch die jedes einzelnen) einfach ignoriert worden? Ich denke ja. Eine Beziehung ist eben mehr, als nur Alltag. Sie hat Höhen und Tiefen und auch vieles dazwischen, die man auch mal thematisieren muss. Totschweigen bringt den Tod.

Ich mag es, wenn jemand ehrlich wissen möchte, wie es mir geht. Wenn ich mich auf diese Frage einlasse, hilft sie mir in Zeiten, wo wenig Luft zu atmen da ist, kurz inne zu halten und mich selbst zu reflektieren.
Er hatte mir beigebracht, dass es schön ist, wenn man fragt und dass er gefragt werden möchte. Leider führte das dazu, das wir uns am Abend nur noch pro forma fragten und nur ein „Ja“ und ein „Gut“ zu Stande brachten. Eigentlich wollten wir es gar nicht wissen, wenn ein Sturm aufzog. Wir wollten Harmonie und Frieden und sowas… das wovon wir dachten, es wäre die erwachsene Beziehung. Dabei ist es keine Schande, wenn man einfach mal mies drauf ist. Aber das konnte weder ich bei ihm aushalten, noch umgekehrt. Wir konnten uns nicht einfach so sein lassen, wie wir waren, wollten immer optimieren, um uns selbst besser zu fühlen. Keine schöne Erkenntnis, aber zumindest ist sie da.

Jetzt weiß ich, wie wichtig es ist, auch in einer Beziehung bei sich selbst zu bleiben. Damit meine ich nicht rein egoistisch zu handeln. Aber der Stress des Anderen ist nicht meiner. Ich kann da sein, zuhören, aber ich darf mir das nicht annehmen, oder gar die schlechte Laune auf mich beziehen.

Auch wenn es eine Weile dauerte, ich freue mich über jede Erkenntnis auf meinem Weg.
Besser spät, als nie!

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