Der Traum in grün – die Hochzeit

Ich komme aus einer Familie, wo die Welt noch sowas von in Ordnung ist. Meine Großeltern sind seit über 50 Jahren verheiratet und haben vier Kinder in die Welt gesetzt. Die Kinder sind ebenfalls alle mindestens 25 Jahre verheiratet und haben jeder selbst zwei Kinder (die Enkel also) und es gibt sogar seit kurzem ein kleines Urenkelchen.

Nun, eines dieser Enkel bin ich. Wohl behütet bin ich aufgewachsen in dieser heilen Familie. Durch sie wurden meine Werte geprägt und ich lernte, wie das Leben zu laufen hatte – im Idealfall.

Trotz allem möchte ich behaupten, dass ich immer ein kleiner Exot war. Während alle anderen in unmittelbarer Nähe blieben, eine Ausbildung machten und es schafften über längere Zeit ernsthafte Beziehungen zu führen, zog es mich in die Welt hinaus. Nachdem ich mich von meiner dreijährigen Jungendliebe lossagte, genoss ich die Unabhängikeit: ein Jahr Freiwilligendienst in Lettland, zum Studium nach Dresden und dann erste berufliche Gehversuche in München und Berlin. Natürlich sehnte ich mich in der Zeit auch nach Nähe und Beständigkeit. Aber meine Rastlosigkeit ließ es nicht mal ansatzweise zu, eine längere Bindung einzugehen. Und mit Abstand betrachtet, war ich auch einfach noch nicht soweit. Ich würde es nicht Bindungsangst nennen, aber ich hatte einfach noch viel zu viele Baustellen, die erstmal bearbeitet werden mussten.

Dennoch: mein Exoten-Dasein brachte Sehnsucht mit sich, vielleicht auch etwas Neid. Das könnte der Grund sein, wieso in Berlin, wo ich nun endlich Wurzeln schlagen wollte – ausgerechnet in Berlin, der Stadt der Unverbindlichkeit – alles verdammt schnell ging.
Er trat in mein Leben, wir verliebten uns, wir zogen zusammen. Wir machten Pläne und hatten die gleichen Vorstellungen. Wir beide konnten beruflich Fuß fassen. Es gab Themen wie Hochzeit und Kinder. Es war endlich die erwachsene Beziehung, die ich so gerne führen wollte.

Für mich war immer klar, dass wir das schaffen können. Ich lebte nach der Devise: ich habe mich für ihn entschieden und werde das nicht aufgeben, sobald sich mal ein Sturm auftut. So hatte ich es gelernt. Dass er das etwas anders sah, habe ich ja bereits eingehend erläutert. Ich kann es ihm bei seiner Vorgeschichte auch gar nicht verübeln. Kommt er doch aus einer Familie, in der Beständigkeit und Sicherheit eher klein geschrieben werden.
Trotzdem war Hochzeit immer ein Thema in unserer Beziehung und wie ich erfahren habe, machte er sich über den Antrag schon seit geraumer Zeit Gedanken.

Dieser Antrag kam dann so plötzlich und unerwartet und – im Nachhinein betrachtet – zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Er muss den Ring – den wunderschönen – gekauft haben, kurz nachdem er bei mir ausgezogen war, was ziemlich genau in die Zeit fällt, in der wir uns langsam wieder annäherten. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, fühlt es sich noch mehr wie ein verzweifeltes Greifen nach dem Rettungsring an, der irgendwo in den Wellen schwamm. Dabei waren wir noch immer auf hoher See und der Sturm tobte weiter. Und auch ein Seitenprung meinerseits konnte ihn nicht davon abhalten, mir zwei Monate später auf einem Riesenrad in Danzig die alles entscheidende Frage zu stellen.

Ich gebe zu, es war furchbar romantisch. In diesem Moment „Nein“ zu sagen, hätte ich mich nicht getraut. („nicht getraut“ oh man!) Doch erinnere ich mich gut, dass ich noch eine Woche zuvor zu meiner besten Freundin sagte: „Wenn er mich jetzt fragen würde, würde ich Nein sagen.“ Tja, da fehlte wohl der Mut zur Vernunft. (Vernunft war noch nie meine Stärke)
Ich muss wohl nicht extra erwähnen, wie skeptisch mein Umfeld und vor allem meine heile Familie darauf reagierte.

Gut, wir waren also verlobt, aber wir waren noch nicht verheiratet, also keine Panik. Wir wollten uns Zeit lassen, Geld sparen, alles ganz vernünftig planen. (Das ist es wieder: vernünftig!) Ich erinnere mich gern daran zurück, was mein Vater sagte, als ich ihn ihn um seinen „Segen“ bat, als es um das schnelle Zusammenziehen am Anfang der Beziehung ging: „Solange ihr nicht gleich heiratet, eine Scheidung ist teuer!“ (heute weiß ich was er meinte)

Und wieder kam alles anders als gedacht. Voller Euphorie und noch immer durch die rosarote Brille schauend, benebelt von weihnachtlicher Besinnlichkeit, machte ich kurz vor Silvester den Vorschlag: Lass und heiraten, sobald wie möglich!
Also begannen die Planungen. Meine Familie , nach dem Motto „wenn sie glücklich ist, sind wir es auch“, half kräftig mit und es wurde eine richtige große Hochzeit organisiert.

Wir waren uns einig, wir wollten keinen Kitsch und riesiges Tamtam. Wir wollten die engste Familie, Freunde und wir wollten Spaß. Wir hielten auch nichts von komischen Bräuchen. Feierten Jungesellenabschied gemeinsam mit unseren Berliner Freunden, suchten das Hochzeitskleid zusammen aus und verbrachten die Nacht vor dem großen Tag im gleichen Bett. Wäre ich abergläubisch, würde ich mich jetzt fragen: Sind das die Gründe für das Scheitern der Ehe? War das ein schlechtes Omen? Aber ich bin nicht abergläubisch.

Wir fieberten dem großen Tag entgegen. Es fühlte sich an, als wäre das unser großes Ziel. Wir zogen wieder in eine gemeinsame Wohnung, bauten uns ein Nest. Wir wollten ankommen nach der langen Reise. Und genau das war der Fehler. Nach dem rauschenden Fest, in meinem traumhaften grünen Kleid, dem perfekten Tag sind wir nicht angekommen, wo denn auch? Aber wir haben auch aufgehört gemeinsam weiter zu gehen. Die Luft war raus.

Ich wollte es lange nicht wahrhaben, denn ich hatte ja meine Werte, meine Überzeugungen. War ich, die Exotin, doch nun diejenige, die es vor allen anderen geschafft hatte, den Bund der Ehe einzugehen. Die Probleme häuften sich: Geld, Vertrauen, alte Wunden brachen auf. Und wir waren nicht in der Lage sie gemeinsam zu lösen. Ich wollte kämpfen, als er verkündete, mich verlassen zu wollen – einfach so. Aber wenn nur einer kämpft ist es sinnlos, das musste ich akzeptieren. Wie konnte ich weiter mit einem Mann zusammen sein, Kinder planen, wenn ich immer Angst haben musste, dass er mich leichtsinnig verlässt, weil ich doch nicht immer so perfekt war, wie er es gern gehabt hätte. Und so kam es unausweichlich zur Trennung mit allem drum und dran.

Ich habe lange gebraucht, diese Tatsache für mich zu akzeptieren. Es hinzunehmen, dass ich demnächst geschieden bin. Das ist ja das Schlimmste: man ist nie wieder ledig, man gilt immer als „geschieden“. (Es sei denn, ich würde wieder heiraten, aber das wäre auch ein schlechter Grund) Und man glaubt gar nicht, wem man das alles erzählen muss, den Behörden, der Buchhaltung, dem Vermieter, dem Frisör… aber das schlimmste: der heilen Familie, die sich mein Glück doch trotz allem so sehr gewünscht hatte.
Das ist ein sehr uncooles Gefühl. Ich wollte nie diejenige sein, die nach fünf Monaten Ehe wieder allein dasteht und von vorn anfängt. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Mittlerweile fühlt es sich komisch an, dass ich eigentlich noch verheiratet bin und irgendein Mann da draußen meinen Nachnamen trägt. Den Namen der heilen Familie.

So schnell werde ich jedenfalls nicht wieder vor einen Standesbeamten treten. Vielleicht heirate ich auch gar nicht mehr. Wozu auch? Es sei denn, ich finde einen reichen Mann, dann lohnen sich wenigstens die steuerlichen Vorteile.
Aber mal im Ernst: Den perfekten Tag hat es schon gegeben. Das perfekte Kleid habe ich schon getragen – den Traum in grün. Und wie man sieht, macht heiraten auch nichts besser. Eine Hochzeit ist keine Garantie für eine funktionierende Beziehung.
Ich bin sehr froh, dass meine tolle, heile Familie so viel Verständnis hatte und mich in der schweren Zeit unterstützt und wieder aufgebaut hat. Natürlich spricht man, wenn alles an die Wand gefahren ist, viel offener. Natürlich waren sie skeptisch – zurecht!

Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich kann aus meinen Fehlern lernen.

Ein Gedanke zu “Der Traum in grün – die Hochzeit

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