90 Tage #sobriety

Hallo, ich bin Elli und ich bin Alkoholikerin.

Als ich diesen Satz im September zum ersten Mal ausgesprochen habe, überrollte mich eine Welle der Emotionen. Die Tränen schossen mir in die Augen und es gab kein Halten mehr. Als wären in mir 1000 Dämme gebrochen. Wahnsinn. Dabei saß ich in diesem Moment an einem kleinen Tisch mit Menschen, die ich zuvor nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich war bei meinem ersten Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA). Das Gefühl zu beschreiben, ist schwer. Zum einen war ich so erfüllt von Scham. Zum anderen fühlte ich mich verstanden. Niemand verurteilte mich dort. Den meisten ging es schlechter als mir, oder war es vor Monaten oder Jahren schlechter gegangen. Und auch, wenn ich es noch nicht so ganz fassen konnte, war ich stolz auf die ersten fünf tage Nüchternheit, die ich bereits hinter mich gebracht hatte.
Nicht, dass mich irgendwer, der mich kannte, je offensichtlich verurteilt hätte, dafür habe ich meine Krankheit gut genug versteckt. Auch vor mir selbst. Aber genau das, dass ich eine Woche, bevor ich zu meinem ersten Meeting ging, aufgehört hatte es vor mir zu verstecken, löste die allerschlimmste Scham in mir aus.
Die Freunde, denen ich mich dann anvertraute, nickten eigentlich nur und sagten mir, wie stolz sie auf mich seien. Das baute mich wirklich auf. Ich hatte mir alle möglich Horrorszenarien ausgemalt, wie mein Umfeld auf meine plötzliche Abstinenz reagieren würde. Mit so viel Zuspruch und Empathie hätte ich nicht gerechnet. Wie gesagt, das Schlimmste war meine eigene Scham.

Nun enstpreche ich ja auch nicht der klassichen Klischee-Alkoholikerin. Ich hatte mein Leben, meinen Job, meine sozialen Kontakte und all das noch sehr gut unter Kontrolle. Erschreckend gut. Daher hörte ich nicht nur einmal die Frage, ob es denn wirklich „so schlimm“ gewesen sei und ob ich mir mit der Diagnose sicher wäre. Ich bestand den Alkoholoker-Test mit 9/10 Punkten. Was jetzt vielleicht etwas witzig klingt, war eine der bittersten Erkenntnisse meines Lebens und der Beginn eines neuen Abschnittes, auf dem ich mich selbst neu kennenlernen durfte und nach wie vor darf.

Aber wie kam es denn nun dazu? Ich bin 32 und habe 20 Jahre lang getrunken. Nicht 20 Jahre jeden Tag. Es gab auch immer wieder Phasen der Abstinenz oder des „geregelten“ Konsums. Aber am Ende war es wirklich jeden Tag. Alarmierend Deshalb habe ich die Reißleine gezogen. Wobei diese Erkenntnis nicht von ganz allein kam. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich schon länger, dass irgendwann der Punkt kommen würde, an dem es heißt, ganz oder gar nicht. Dass er dann so plötzlich und in einer meiner dunkelsten Phasen kam, war vielleicht Schicksal. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wieso Amazon mir das Buch „Nüchtern“ von Daniel Schreiber vorgeschlagen hat. Wie sich später herausstellte, ist es DAS Buch, was so ziemlich jede*r gelesen hatte, den ich bei den AA kennenlernte. Daniel schreibt keinen Ratgeber. Er schreibt ungeschönt, wie es ist, ein Alkoholiker zu sein und ist selbst seit Jahren gern gesehener Gast bei den Meetings in Berlin. Schon auf den ersten Seiten, wurde mir klar, wenn ich dieses Buch durch hatte, wäre ich nicht mehr dieselbe. Und so war es auch. Während ich es las, trank ich noch, zumindest am Anfang. Selbsterkenntnis ist anstrengend. Und es flossen viele Tränen bei der Lektüre.
Aber es wirkte und trotz meines extrem harten Katers an einem Samstag, raffte ich mich auf und „machte sauber“. Ich entsorgte jegliche Flaschen und auch sonst alles, was mich an Alkohol erinnerte. Ich fuhr zu meiner besten Freundin und stellte ihr drei Flaschen Weißwein auf den Tisch und sagte: „Ich höre auf!“ Jetzt war es raus.
Am Abend stand noch ein Event vom Orchester an. Das würde mein letzter Suff werden und ich wollte ihn genießen. Es gelang mir. Außerdem hatte ich mir noch eine Flasche Rotwein für den allerletzten Abend aufgehoben. Nur für mich allein, aber die schmeckte mir bereits nicht mehr. Ich telefonierte an dem Abend mit einer sehr guten Freundin und auch in dem Moment konnte ich meine Tränen nicht halten. Ich war so dermaßen am Ende und ich wusste bis dahin nie so sicher, dass es höchste zeit war, etwas zu ändern, wenn ich nichtwollte, dass mein Leben komplett aus den Fugen gerät. Es war eine harte aber echt gute Entscheidung. Die Nacht war furchtbar. Doch die Tage und Nächte danach waren super. Ich fühlte mich frei und leicht und irgendwie ein bisschen wie in einem Wattebausch. Ich konzentrierte mich nur auf mich und meine Abstinenz.

Bei den AAs war ich nur ein paar Mal, weil ich mich dort zwar wohl fühlte, aber nicht, wie viele, ein neues soziales Umfeld brauchte und weil mir die Abstinenz meistens nichts ausmachte. Was ich aber mitgenommen habe ist, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Und dass das Prinzip der 24 Stunden echt sinnvoll ist. Es geht nicht darum, sich vorzunehmen, sein ganzes Leben lang trocken zu bleiben. Es geht um kleine Schritte. Die AAs waren auch deshalb nichts für mich, weil ich (zum Glück noch) nicht an dem Punkt war, wo ich mein Leben nicht mehr meistern konnte. Im Urlaub in Portugal merkte ich, dass es mir nicht schwerfiel, nicht zu trinken. Manchmal hatte ich den Gedanken, dass geregeltes Trinken, ja vielleicht doch funktionieren würde. Aber, was auf mich zutrifft ist: wenn ich ein Glas trinke, trinke ich alle. Geregeltes Trinken würde zu viele Regeln bedeuten. Nicht Trinken lediglich eine einzige.
In den ersten Wochen war ich allerdings sozial auch sehr isoliert. Ich hatte Ansgt, dass mich irgendwas aus dem Gleichgewicht bringen könnte und der Saufdruck dann unaushalt ar groß werden könnte.

Nach und nach erzählte ich mehr Menschen in meinem Umfeld, dass ich nicht mehr trinke. Und stellt euch vor, keiner reagierte irgendwie blöd. Jeder hatte Verständnis und jeder sagte, dass er stolz auf mich sei. Das rührte mich. Oftmals blickte ich jedoch in überraschte Gesichter. Selbst mein Therapeut war dezent verwundert. Niemand hatte die Ausmaße meiner Sucht mitbekommen. Ich habe das gut versteckt, vor mir und allen anderen. Weshalb oft die Frage kam, ob ich den sicher sei, dass ich wirklich Alkoholikern bin. Ja bin ich. Und tatsächlich war es auch nicht nur beim Alkohol geblieben. Wie unnormal mein Trinkverhalten war, hatte zunächst nur geahnt, es mir aber selbst immer schön geredet. Daniel Schreiber hat mir die Wahrheit dann ungeschönt ins Gesicht geklatscht.

Nachdem ich nun die angeblichen magischen 90 Tage hinter mir habe, muss ich sagen, es war okay für mich. Wieso magische 90 Tage? In der Regel braucht es die wohl, bis es sich „normal“anfühlt. Was aber heißt schon normal. Offiziell bin ich immer noch babysober (süßes Wort irgendwie). Ich hatte in den letzten drei Monaten niemals einen Moment, im Supermarkt vor dem Weinregal zu stehen und mit mir zu kämpfen, diese Flasche nicht zu kaufen. Meistens mache ich jetzt um diese Abteilung ohnehin einen großen Bogen. Die ersten Wochen war ich, wie gesagt, so in Watte gepackt, dass ich generell auch kaum den Saufdruck verspürte. Manchmal an Freitagen und Samstagen, da kam ich mir irgendwie einsam vor. Die ersten Wochen inkl. meines Portugal-Urlaubs verbtrachte ich hauptsächlich mit mir selbst. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass auch die trockene Elli cool und selbstbewusst und lustig und noch immer eine Party-Maus sein wird. Also wollte ich irgendwann auch wieder in Kneipen und auf Partys gehen. Und siehe da, ich war cool und ich hatte Spaß. Vielleicht nachhaltig gesehen sogar ein bisschen mehr als sonst. Und das Schöne: kein Kater. Und auch wenn ich mal etwas weniger schlief, ging es mir am nächsten Morgen gut. Einzig beim Probenwochenende meines Orchesters fühlte ich mich seltsam fehl am Platz. Vielleicht, weil zu viele Menschen zu betrunken waren. Irgendwann hatte ich genug, weil mit den Leuten auch nichts mehr anzufangen war. Die Massen an Alkohol ekelten mich einfach nur noch an. Vor allem deshalb, weil mir das Szenario mein altes Ich so realistisch vor Augen hielt. Ich war eben diejenige, die es nicht nur „mal“ krachen ließ, sondern, die kein Ende kannte und die jeden Tag trank.

Man spricht ja von der sogenannten Pink-Cloud am Anfang der Abstinenz. Das Phänomen hatte ich auf jeden Fall. Ich sagte sogar mal im Scherz zu meinem Therapeuten, dass ich glaube, der Alkohol wäre mein einziges Problem gewesen. Das ist natürlich quatsch und das merkte ich auch bald, denn die Probleme holten mich natürlich wieder ein. Ich hatte mich aus Angst vor einem emotionalen Zusammenbruch, wo mich der Saufdruck doch besiegen würde, wochenlang emotional von allem abgeschirmt. Aber wie ich aus Erfahrung weiß, funktioniert das natürlich nur temporär. Ich hatte jahrelang meine Emotionen immer nur im Rausch ausgelebt und muss jetzt wieder lernen, dass das auch ohne geht und dass es nicht schlimm ist und mich Emotionen nicht umbringen. Und als ich anfing loszulassen, steuerte ich geradewegs in eine Depression. Super.
Realistisch gesedhen sind 90 Tage nichts im Vergelcih zu den vielen Jahren, die ich (hoffentlich) noch vor mir habe. Aber 90 tage sind auch ein Meilenstein. Und manchmal sitze ich sio da und kann es noch immer nicht fassen. Ein Freund sagte mir letztens mal wieder, wie stolz er auf mich sei und dass es ja jeden Tag ein Kampf sein muss. Ich winkte nur locker ab. Abrr tief im Inneren weiß ich, dass er recht hat. Und der Kampf wird vielleicht nal leichter, aber aufhören wird er nicht. Ich hoffe allerdings, dass das Schuldgefühl irgendwann aufhört. Trinken war meine „beste“ Copingstrategie, die mich hat überleben lassen. Und jetzt überlebe ich sie.

Ein Gefühl hat sich bei mir in den letzten 90 Tagen verstärkt: Gelassenheit. Deshalb habe ich mir in Portugal auch „Serenity“ auf den Arm tätowieren lassen. Alkoholiker sein, ist Stress pur. Immer genug Alk dazuhaben und dennoch so zu tun, als wäre man wie alle anderen, jeden Tag aufzustehen, zu funktionieren, ich führe noch immer eine erfolgreiche Firma. Nebenbei bemerkt, habe ich mir auch aufgrund meines beruflichen Erfolges immer eingeredet, alles sei doch nicht so schlimm, solange das noch funktionierte. Tatsächlich war meine Firma ein wichtiger Grund, wieso ich mich nie „richtig“ gehen ließ.
Jetzt, wo ich nicht mehr trinke, kann ich mir all diese Sorgen sparen, zudem spare ich auch noch Geld. Ich kann mehr essen, habe weniger Heißhungerattacken, was wiederum meiner Eating Disorder zugute kommt. Am Anfang schlief ich sogar wesentlich besser. Wobei die (Ein-)Schlafstörungen bald zurückkamen und mir heftig zusetzten. Aber das nahm ich in Kauf, obwohl das meine größte Angst gewesen war. Seitdem hat sich nicht nur mein Mindset, sondern auch mein Körper verändert. Ich schaue wieder gern in den Spiegel, sehe ich nicht mehr so verquollen aus. Und ich habe endlich nach mehr als fünf Monatern meine Periode zurück bekommen. Es war in den Jahren des Trinkens nicht das einizige Mal, dass ich mit Periodenverlust zu kämpfen hatte.

Was genau passierte unmittelbar vor dieser radikalen Entscheidung? Traurigerweise ereignete sich im Sommer mal wieder etwas, was mich vollkommen aus der Bahn warf, dem ich hilflos ausgeliefert war und was Gefühle in mir hervorrief, die ich nicht kontrollieren und schon gar nicht haben wollte. Und das einzige, was mir einfiel, war, mich hemmungslos zuzudröhnen. Und damit meine ich nicht nur, mal einen Abend über die Stränge zu schlagen. MK war in den USA. Wäre er dagewesen, wäre vielleicht auch einiges anders gelaufen. Ein Teil von mir ist wütend deswegen. Aber vor allem, weil ich mich für mein Verhalten mir und meinen Gefühlen gegenüber schäme. Und in dieser Phase fiel mir Daniels Buch in die Hand. Heute bin ich dankbar für die Eskalation und dafür, dass nichts Schlimmeres dabei passiert ist. Dass ich erst an einem Punkt, der totalen Verzweiflung kommen musste, wusste ich schon länger. Da war er also. Jetzt spüre ich Erleichterung, dass ich dort war, dass ich den Punkt erreicht habe und der Wunsch nach Veränderung und einem neuen Leben dadurch so groß wurde. Denn mir wurde in dem Moment klar, dass es beim nächsten Schicksalsschlag wohl nicht mehr bei ein paar durchfeierten Nächsten bleiben würde.

Ich habe mir am Anfang wahnsinnig viele Sorgen um meinem soziale Kompetenz gemacht. Vielen davon habe ich wieder aufgegeben. Zum einen, weil sie unbegründet waren. Anderen gegenüber ist nüchtern werden ähnlich wie vegan werden. Am Anfang fragen die Leute noch oder wundern sich und irgendwann gewöhnen sich alle dran inkl. mir.
Ich höre seit Kurzem den Soda Club Podcast und habe seitdem angefangen, mich wirklich mit meiner Sauf-Vergangenheit auseinander zu setzen, weil ich mich in so vielen Szenen selbst sehe. Das alles für mich aufzuarbeiten wird noch ein langer weg sein. Und da ist es mir ehrlich gesagt relativ egal, was Hinz und Kunz von mir denken, weil nun einzig und allein meine Genesung wichtig ist.