Großstadt vs. Dorfidylle

Am letzten Wochenende war ich mal wieder in meiner kleinen Heimatstadt. Eigentlich war ich nicht so sonderlich motiviert, da mich die lange Fahrt da hin und das ganze Drumherum mit dem Organisieren ein bisschen nervt. Aber wie das manchmal so ist, sind genau diese Wochenenden am Ende die besten. Ich war mit meinem Bruder einen Tag auf einem Festival, wo er und einige Kumpels sogar selbst auf der Bühne standen. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Ich freue mich auch immer, die Jungs und Mädels zu sehen. Das ist sogar ein bisschen mehr als ein Stück Heimat. Und ich denke, das beruht auf Gegenseitigkeit. Es wurde natürlich wie immer ordentlich gefeiert und natürlich habe ich auch eine neue männliche Bekanntschaft gemacht. Ein 22-jähriger Punker, war von mir sehr angetan. Die roten Haare und so. Ja, ich weiß…sooo jung! Hab ich ihm auch gesagt. Wir hatten dennoch ziemlich viel Spaß in seinem Zelt. Danach versuchte ich allerdings ziemlich schnell, ihn wieder loszuwerden. Zum einen erinnerte mich seine ganze Art total an den Koch. Ich weiß auch nicht, wieso ich immer wieder den gleichen Typ Mann treffe. Zum anderen, war er wie gesagt viel zu jung, außerdem wohnt er in Bayern in einem kleinen Dorf. Das liegt jetzt nun wirklich nicht in meinem üblichen Aktionsradius. Ich dachte auch, ich hätte das mehr als deutlich gemacht. Es hielt ihn dennoch nicht davon ab, mir im Nachhinein allerhand Nachrichten zu schicken. Irgendwann habe ich einfach nicht mehr geantwortet.

Am Samstag hatte ich dann einen kleinen Gastauftritt bei meinem Heimatorchester. Es war echt klasse, mal wieder dabei zu sein und die Leute zu treffen, die ich von damals noch kenne. Ich sah einerseits eine tolle Entwicklung der Dynamik im Orchester, musikalisch und menschlich. Andererseits scheint die Zeit doch irgendwie still zu stehen. Die gleichen Leute, die gleichen Themen. Ich meine das keineswegs abwertend. Es ist eine reine Feststellung. Und manchmal bin ich sogar etwas neidisch auf diese Beständigkeit. Das ist genau, was ich in der Großstadt manchmal vermisse. Genauso liebe ich es aber auch, dass hier alles so schnelllebig und ständig im Wandel ist.

Das Thema begegnete mir dann am Abend noch einmal. Ich traf mich (nach einem Jahr) endlich mal wieder mit dem Hotel Boy. Wir hatten immer mal wieder Kontakt gehabt, aber aus diversen Gründen kam ein Treffen länger nicht zustande. Umso mehr hatten wir uns zu erzählen. Natürlich berichtete ich von meinen Erlebnissen in den Clubs und allgemein eben von allem, was bei mir in Berlin so abgeht. Er war ziemlich begeistert und fast ein bisschen neidisch auf mein aufregendes Leben. Er meinte, dass eine solche Freizügigkeit in der Kleinstadt nicht so gut funktioniert, da die Anonymität einfach fehlt. Und natürlich gab es dann auch noch ein bisschen Sex. Ich genoss sein Begehren. Es war echt gut und ich merkte, wie sehr ich es mit ihm vermisst habe.

Kürzlich hatte ich das Thema Großstadt vs. Dorfidylle mit einem anderen alten Freund aus der Heimat. Ich glaube, es ist etwas, womit viele in meiner Generation hadern. Zum einen entscheidet man sich ja mehr oder weniger bewusst für einen Ort an dem man lebt und sich sein Leben aufbaut. Manche lieben eben diese Idylle, kleine Orte, Dörfer, wo die Welt noch in Ordnung ist, man günstig wohnen kann, die Nachbarn kennt und sich auf die Community verlassen kann. Wenn dann aber jemand wie ich kommt und vom aufregenden Großstadt-Dschungel erzählt, dann sehe ich manchmal einen Funken Neid. Sie sehen mein wildes unverbindliches Leben, mein Konzept von freier Liebe und Polygamie und denken sich, wie toll doch so ein Leben sein muss. Ist es! Keine Frage, ich möchte nicht tauschen. Aber insgeheim freuen sie sich dann auch wieder ein bisschen, weil sie es vielleicht gar nicht durchhalten würden, überfordert wären und sie sich in ihrem schönen warmen Nest doch am sichersten fühlen. Aber mal so ein bisschen ausbrechen, das wäre schon toll.

Aber sowas geht eben nicht nur ein bisschen. Ja, auch ich bin manchmal neidisch, auf all die Nester, die Wärme, die Verlässlichkeit. Ich hadere selbst manchmal mit mir und ertappe mich dabei, wie ich mir vorstelle, wie es denn wäre, jemanden zu haben, der immer da ist, auf den ich immer und in jeder Lebenslage zählen kann. Aber eigentlich will ich das gar nicht. Mal davon abgesehen, wenn es hart auf hart kommt, bin ich auch nicht allein. Ich habe in der Hinsicht das Gefühl, es gibt nur ganz oder gar nicht. Was nicht heißt, dass ich es schwarz-weiß sehe: Single oder Beziehung. Nest oder Freiflug. Aber es ist eine bewusste Entscheidung zu einer gewissen Freiheit. Dabei gibt es kein Gut oder Schlecht, kein Richtig und kein Falsch. Und irgendwie ist es doch immer so, dass wir uns von Zeit zu Zeit nach dem sehnen, was wir gerade nicht haben können.

Ich für meinen Teil habe mich entschieden. Und wie ich so schön feststellte, war ich eigentlich immer schon eine Draufgängerin. So richtig „treu“ sein und bei einem Mann bleiben konnte ich nie, tatsächlich in keiner meiner Beziehungen, wenn ich so drüber nachdenke. In der Jugend nannte man das eben Ausprobieren und jetzt ist es eine Lebenseinstellung. Und genau das bringt mich auch zu der Erkenntnis, dass ich endlich den für mich richtigen Weg gefunden habe. Das Ausbrechen hat sich gelohnt.