Die Therapie

Dass ich seit mittlerweile drei Jahren und generell auch nicht zum ersten Mal in therapeutischer Behandlung bin, ist kein Geheimnis. Ich schäme mich auch nicht dafür. Jeder, der ohne Therapie durchs Leben kommt ist zu beneiden, keine Frage. Aber ich bin auch stolz darauf, weil es Mut erfordert, sich einem zunächst komplett fremden Menschen zu öffnen. Ich denke, mein Therapeut (männlich) weiß insgesamt wesentlich mehr über mich, als jede andere Person. Das ist natürlich eine Vertrauensbasis, die wir uns über die Jahre aufgebaut haben.
Was machen wir also da seit drei Jahren? Reden! Klar.
Meistens reden wir über gegenwärtige Dinge, die in meinem absolut unlangweiligen Leben eben immer so passieren. Es ist eine Verhaltenstherapie. Heißt: Ich lerne, mich so zu verhalten, dass ich mit den Dingen, die mein Leben in der Vergangenheit belasten, gegenwärtig klarkomme. Denn tatsächlich ist mein Leben immer leicht chaotisch, weil ich impulsiv bin, aber auch, weil ich aufgrund bestimmter Traumata, ein bestimmtes Verhalten erlernt habe, was mich durchaus immer wieder in heikle Situationen bringt oder aber auch dazu führt, dass beständige Beziehungen zu führen für mich nicht so einfach ist.

Vieles regelt sich durch Akzeptanz. Ich lerne zu akzeptieren, dass Gefühle und Erinnerungen nicht weggehen. Und dass ich dadurch bestimmte Dinge nie so machen kann, wie andere es tun. Es ist ein bisschen wie eine mentale Behinderung. Aber ich kann Strategien erlernen, die mir helfen, einen für mich gangbaren Weg einzuschlagen. Und dabei hilft mir mein Therapeut.

Generell geht es dabei aber natürlich um Bewältigung der Traumata aus der Vergangenheit, genauer gesagt aus meiner Kindheit. Wenn die Gegenwart stürmisch ist, bleibt da oft wenig Zeit. Wenn ich also mal wieder in einem Drama stecke, dann wird das zuerst behandelt.
Daher bin ich dankbar, dass es gegenwärtig relativ windstill ist und ich endlich Zeit finde, wirklich gravierende Erinnerungen anzugehen. So gerne ich vor dieser Konfrontierung mit meiner Vergangenheit davonlaufe, so sehr merke ich, dass es notwendig ist und sogar reinigend sein kann. Und irgendwie kam es diese Woche ein bisschen „unvorbereitet“ und doch zugleich zum genau richtigen Zeitpunkt.

Was wir gemacht haben, nennt sich Screening. Und wie es der Name bereits verrät, ist das eine Technik, bei der man sich vergangene Situationen gemeinsam auf einer imaginären Leinwand ansieht. Wir betrachteten also die erste traumatische Situation aus meiner Kindheit und ich kommentierte dies aus der Erzählerperspektive. Das half mir, das Ganze mit einem gewissen Abstand zu betrachten.
Jetzt glaubt nicht, dass ich da einfach so frei von der Leber weg erzählen konnte. Bereits als er mir erklärte, was ich gleich zu tun hätte, war mein inneres Stresslevel auf 1000. Ich begann zu schwitzen und als er mir das Wort überließ, waren da erstmal nur Tränen. Und um ehrlich zu sein, wäre ich in dem Moment lieber weggerannt, als irgendetwas zu sagen. Die Überwindung fiel unglaublich schwer.
Und doch machte ich es dann ganz gut. Es war im Grunde nicht das erste Mal, dass ich über diese Situation sprach bzw. hatte ich sie bereits 1 Mio. mal im Kopf wieder abgespielt. Er meinte, andere Patient*innen hätten beim ersten Screening viel mehr Probleme gehabt als ich. Auch für mein Verhalten, welches ich als kleines Mädchen damals an den Tag gelegt hatte, um meine Grenzen zu wahren, bezeichnete er als sehr reif. Und dennoch ist es eine Tatsache, dass diese Situation ein Kapitel in meinem Leben eröffnet hat, von dem ich mir wünsche, dass es das nicht gegeben hätte.

Wir sprachen im Anschluss darüber, was ich gebraucht hätte in genau der Situation und dass ich mir genau das vorstellen sollte. Natürlich verändert das nicht die Erinnerung. Es geht hier vielmehr darum, dass ich nun die vernünftige Erwachsene bin, die mein damaliges – jetziges inneres – Kind beschützen und trösten kann. Dass ich ihr nun das geben kann, was sie damals nicht bekommen hat und ich so im Nachhinein Trost erfahren kann, vor allem dann, wenn mich die Situation oder bestimmte Symptome in der Gegenwart wieder einholen.
Und jetzt, ein paar Tage später, merke ich, dass es ein Prozess ist, der wirklich etwas bringt, der Besserung verspricht.
Noch einen Tag nach besagter Sitzung saß ich zu Hause und dachte wieder an sie Situation. Ich schrieb sie diesmal auf und notierte mir auch das „gute Ende“, welches wir uns ausgedacht hatten und ich konnte es nicht verinnerlichen. In mir schrie die ganze Zeit nur eine Stimme, dass es ein winziges Detail gab, was fehlte und dieses Detail war für so viele Jahre Leid und Scham verantwortlich. Ich drehte mich in einer Abwärtsspirale und konnte die Tränen vor Trauer und Wut kaum stoppen. Ich setzte mich hin und schrieb eine Mail an meinen Therapeuten. Das hatte ich bisher noch nie getan. Aber diesmal hatte er es mir ausdrücklich angeboten, weil es bei solch intensiven Flashbacks immer noch Nachwehen geben kann.

Die Antwort kam weniger Stunden später und sie war schmerzhaft. Aufgabe des Therapeuten ist es nicht, mir Dinge schönzureden. Das tut er auch nicht. Und ein Satz wie, „Ihr Schmerz, den Sie beschreiben ist so furchtbar“, tut weh, ist aber sehr empathisch gemeint. Es ist wichtig, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Und es ist wichtig, dass ich verstehe, dass das alles nicht irgendwann „vorbei“ sein wird. Wie anfangs erwähnt, geht es um den Umgang mit Dingen und Erinnerungen, die bleibend sind.
Er schrieb mir: Ihr Über-Leben ist eine lebenslange Aufgabe. Geben Sie dieser Aufgabe einen Sinn.

Und so komisch das klingt, weiß ich, dass er recht hat. Anzuerkennen, dass es mein Leben lang immer wieder die guten und die schlechten Phasen geben wird und dass Trauer, Wut, Scham und Angst niemals weggehen, sich lediglich verändern können, ist mein erster Schritt in Richtung innerer Frieden. Zusätzlich kann ich diese ganze negative Energie nehmen und versuchen, damit Dinge zu bewegen und Gutes zu tun. Und tatsächlich tue ich das ja schon: HIER!
Auch, wenn es nur wenige 100 Menschen sind, die hier mitlesen, erreiche ich doch jemanden. Und ich bekomme Feedback, dass ich schon Menschen geholfen habe. Ich denke, ich möchte meine Energie zukünftig noch mehr hier rein stecken, um mehr Menschen einen Safespace zu geben, den ich lange nicht hatte. Ich möchte meine Erfahrungen, meine Höhen und Tiefen und auch meine Learnings und Strategien hier noch mehr teilen, um mehr Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

Und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann der Mutausbruch, bei dem ich euch ganz offen erzähle, was passiert ist. Aber bleiben wir erstmal bei den kleinen Schritten.
Heute Morgen jedenfalls lag ich auf meiner Yogamatte und hatte wieder das „gute Ende“ der Situation im Kopf. Und siehe da, es fiel mir diesmal ein bisschen leichter, es zu visualisieren. Es ist eben alles eine Frage der Übung. Und solche Momente machen Mut.
Schreibt mir gerne mal, wie euch dieser intime Einblick in meine aktive Therapie gefallen hat.