Sober Sex #sobriety

Wer hier jetzt sexy Content erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Im Sinne der Offenheit und der Veränderungen, die gerade im Zuge meiner Nüchternheit vonstattengehen, möchte ich hier jetzt auch mal ganz nüchtern über mein Sexleben sprechen. Wenn ich an die letzten fünf Jahre zurückdenke, dann kann ich die paar Male, wo ich nüchtern Sex hatte, an einer Hand abzählen. Also bestand berechtigterweise meine größte Angst beim nüchtern werden darin, dass ich nie mehr (guten) Sex haben würde.

Eine Zeitlang dachte ich, dass ich mich über Sex definiere. Vermutlich war das auch so. Später versuchte ich, den Lifestyle dann vor mir selbst zu rechtfertigen, indem ich mir sagte, dass es okay sei, dass ich eben gerne Sex habe. Und definitiv ja, ich habe gerne viel Sex mit vielen unterschiedlichen Menschen. Das steht außer Frage und ist keineswegs verwerflich. Wieso also hatte ich es mir irgendwie zu Gewohnheit werden lassen, sowohl vor Dates als auch vor (Sex-) Partys und währenddessen zu trinken, um es „leichter“ zu machen?

Nüchtern betrachtet spricht nichts gegen einen kleinen Schwipps, um ein bisschen locker zu werden. Dass es bei mir in der Regel nicht dabei blieb, wissen wir ja mittlerweile. Und so prallten hier direkt mehrere Dinge aufeinander. Zum einen dieses „ich werde nie mehr so ungezwungen Sex haben können“, aber eben auch die Frage, was sich womöglich positiv verändern könnte, wenn ich jene Barriere in meinem Kopf nur würde beseitigen können. Denn – Hand aufs Herz – ich habe betrunken auch viele Entscheidungen getroffen, die am Ende irgendwie sehr desperate und so gar nicht sexy waren. Und ich behaupte mal, es ist einerseits jetzt auch die Reife, die mit dem „Alter“ kommt, aber eben auch eine nüchterne Besonnenheit, die mir sagt, dass ich das echt nicht mehr nötig habe. Insofern versinke ich nicht in Selbstmitleid und schiebe alles auf meine schlimme Kindheit und die Säufer-Elli. Manchmal muss man eben auch Dampf ablassen. Und – das finde ich sehr wichtig – ich habe damit weder anderen noch mir ernsthaften Schaden zugefügt.

Ich möchte heute auch erstmalig darauf eingehen, dass ich keine Trinkerin um des Trinkens willen war. Das war eigentlich auch echt kein Geheimnis. Ich habe (berechtige) Ängste, die durch Traumata hervorgerufen werden und starke, intensive Gefühle auslösen. Hauptziel meiner Trinkerei war es immer, diese Gefühle nicht so stark zu spüren, abzuschalten, zu entspannen und so irgendwie auch möglichst „normal“ zu sein. Ja, ich wollte eigentlich immer nur so „normal“ wie alle anderen sein. Mein Therapeut sagte irgendwann mal zu mir, ich müsste damit aufhören, immer zu schauen, wie die anderen ihr Leben leben und dazu stehen, wie ich meines gestalten möchte und kann. Da hat er recht.
Was das Thema Sex angeht, bestand immer die Angst, dass Dinge passieren könnten, die ich nicht wollte, die nicht abgesprochen waren. Ebenfalls Traumafolgen. Was ich durch das Trinken nur erreichte war, dass ich über die Angst nicht mehr nachdachte. Es verhinderte aber nicht, dass solche Dinge immer mal wieder passierten. Und die passierten eben genau, weil ich betrunken war und gedankenlos (fast) alles mit mir machen ließ. Das habe ich irgendwie lange nicht kapiert.
Ich dachte nur, dass ich jetzt weniger frei und locker sein würde, da ich nichts mehr hatte, was mich enthemmen konnte. Ich sah anfangs nur das Negative in der Nüchternheit und so wurde meine sowieso schon vorhandene Angst auch noch durch die Angst vor Ablehnung ergänzt. Weil ich mir einredete, dass es jetzt eben nicht mehr so sexy sei mit mir, weil ich vielleicht prüde und verklemmt wirken könnte.

Und jetzt, nach fast fünf Monaten Nüchternheit bin ich dankbar, dass ich mich auch ganz langsam und ohne Druck wieder an meine Sexualität herangetastet habe und sehr positiv überrascht bin. Ich muss dann manchmal, im Nachhinein, über mich selbst lachen. Denn abstruse Ängste (nämlich die vor der Ablehnung) kosten mich oft viel Lebensqualität und lassen mich (beinahe) viel Spaß verpassen. So war es nämlich, dass ich vor jedem nüchternen Date lieber fünfmal aus dem Fenster gesprungen wäre, als dort hinzufahren. Und das nicht, weil dort eine reale Gefahr lauerte, sondern einfach nur, weil ich mir selbst nicht traute.
Und jedes Mal war ich dann froh über den Mut. Denn ich wusste, ich will Sex und ich habe schnell etwas Wichtiges gelernt: Sober-Sex ist 1000 Mal geiler und ich kann ihn auch viel mehr genießen, weil ich 1. keinen Filmriss habe oder dissoziiere, wie ich es auf Partys oft getan habe und 2. weil ich Herrin meiner Sinne bin und für den Fall, dass etwas passiert, was ich nicht möchte, meine Grenzen klar abstecken kann.

Und so habe ich mich in den letzten Monaten in Baby-Steps wieder meiner sexuellen Freiheit angenähert. Zuerst mal auf Sex-Partys schauen, wie es sich anfühlt, dann mal wieder Menschen daten, die mir vertraut sind. Und Surprise: kein einziges Mal dachte ich, dass es blöd wäre, keinen Spaß machte, oder ich lieber getrunken hätte. Denn, weitere wichtige Erkenntnis: Betrunkene sind nicht so sexy, wie man denkt. Eigentlich gar nicht. Und als ich das einsah, schämte ich mich wirklich ein bisschen.

Und als Krönung so far habe ich sogar einen neuen Menschen kennengelernt und bin nachhaltig ziemlich happy darüber, wie es bisher läuft, was nach zwei Dates recht überschaubar ist. Nur so viel, dass unser erster Sex zwar nicht spektakulär (i.S.v. außergewöhnlich), aber trotzdem ein Highlight und für mich unglaublich intensiv war. Eben weil ich nüchtern war, voll bei der Sache, weil ich sicher war, dass ich es wollte, weil mein Körper wollte und ich es einfach nur genießen konnte. In dem Moment wurde mir klar, wie sehr mir diese Art von Intimität gefehlt hat und wie sehr ich es liebte und brauchte. Es gab mir Sicherheit. Und ja, ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung dieser Geschichte. Wo auch immer sie uns hinführen wird…